In Betrieb von ca. 1896 bis ca 1952. 1934 durch einen Neubau ersetzt.

Wib ist die telegraphische Abkürzung von Wiesenbrücke. Standort km 1,3 Kilometrierung bezogen auf Ferngleise.

Die Nachbarstellwerke von Wib waren die Fahrdienstleiter Gsl, Gsw und Ntm

Steuerbereich des Stellwerks: km 1,510 von Signal X bis km 1,650 Signale Y und Z Kilometrierung bezogen auf Gütergleise.

Bauform des Stellwerks Wib:

Von 1896 bis Mitte der 1920er Jahre mechanisch wahrscheinlich Hein, Lehmann & Co.

Von Mitte der 1920er Jahre bis 1952 elektromechanisch Siemens & Halske Bauform 1912 bzw VES 1912.

Bahnhofs- und Streckenblock

Felderblock Bauform A eingleisige Strecke nach und von Ntm, Gsl und Gsw. Stand 1933 außer Ntm.

Von Ntm nach Wib Bahnhofsblock Stand 1933.

Kilometer 1,3 der Strecke Stettiner Bahnhof—Stettin. Standort des Stellwerks bei Openstreetmap.

Zum Titelfoto: 1929 schaut der Fdl aus dem Fenster in Richtung des Fotografen. Die Aufstockung des Hochbaus ist sehr deutlich an dem andersfarbigen Mauerwerk erkennbar.

 

 

Wegen einer Weiche – Das Stellwerk Wiesenbrücke (Wib)

 

Gleisanlagen 1903Der Plan von 1903 veranschaulicht die Situation von Wib sehr gut.Beim Umbau des Bahnhofs Stettiner Bahnhof 1896 musste man wegen räumlich beengter Verhältnisse den Maschinendienst auf zwei Bw aufteilen. Zum einen das Bw Stettiner Bahnhof, zum anderen das Bw Gesundbrunnen. Für die Logistik wurde extra eine eigene Trasse zwischen den Bw den beiden Bahnhöfe projektiert und ausgeführt. Das Bw Gesundbrunnen nahm 1897 den Betrieb auf und dafür musste kurz vor dem Stettiner Bahnhof unweit vom Stellwerk Ntm ein Stellwerk projektiert werden. Vom Stettiner Bahnhof aus führten 6 Gleise nach Gesundbrunnen. Ein Gleispaar der Vorortbahn, ein Gleispaar der Fernbahn, das Maschinengleis und das Gütergleis. Das Maschinengleis war für die Logistik der beiden Bw gedacht. Leider reichte der Platz für die sechs Gleise ab Stellwerk Ntm nicht aus. Aufgrund der Bebauung (z.B. das Gelände der Maschinenfabrik Schwartzkopff) konnte erst hinter der Wiesenbrücke die Trasse sechsgleisig verlaufen. Nun stellt sich die Frage, warum nur 400 m von Ntm entfernt extra ein Stellwerk für den Abzweig des Maschinengleises vom Gütergleis errichtet werden musste? Das lag zum einen an der Limitierung der mechanischen Sicherungstechnik: Die Stellentfernung vom Stellwerk zur Weiche war auf 350 m begrenzt. Zum anderen die nicht vorhandene Sicht auf diese Bahnanlage. Durch die nach rechts verlaufene Krümmung war die Weiche vom Stellwerk Ntm aus nicht einsehbar und damit nicht auf Freisein prüfbar. Ca 1896/97 entstand das Stellwerk Wib, um die Fahrten nach und von Gesundbrunnen ins Bw oder in den Güterbahnhof zu ermöglichen. Die Bauform des Stellwerks ist unbekannt, es könnte sich aber um die Bauform Hein, Lehmann & Co gehandelt haben. Die Sicherungstechnik war demzufolge sehr einfach gehalten:

3 Formhauptsignale X, Y und Z

Eine Weiche Nr. 1

Ein Riegel zur Weiche 1

Die Blockform wird bei der Inbetriebnahme die 1891 eingeführte Blockform B mit jeweils drei Feldern gewesen sein, also 9 Blockfelder für die drei Fahrtrichtungen.

Berlin unter Wasser und das Stellwerk Wib mit auf dem Bild. 14. April 1902. Slg Lars MolzbergerBerlin unter Wasser und das Stellwerk Wib mit auf dem Bild. 14. April 1902. Slg Lars Molzberger

Für gewöhnlich sind Stellwerke selten auf Ansichtskarten abgebildet. Eine Ausnahme macht die o.a. Ansichtskarte von 1902.  Am 14. April 1902 suchte ein heftiges Gewitter Berlin heim und richtete durch Überschwemmungen und Hier noch einmal ein Ausschnitt.Hier noch einmal ein Ausschnitt.Gebäudeeinstürze verheerende Schäden im Stadtbild an. Heute würden solche Aufnahmen in Windeseile in die sogenannten sozialen Medien verbreitet werden. Damals musste man mit anderen Verbreitungsformen vorlieb nehmen. Eine Möglichkeit waren Ansichtskarten. Der Verlag Saulsohn hat eine ganze Serie „Berlin unter Wasser“ produziert. Durch die Einschnittlage der Gleise zwischen Humboldthain und Gesundbrunnen war die Überschwemmung vorhersehbar.  Ganz hinten im Bild das Stellwerk Wib.

Nach 1920 wurde Wib grundlegend verändert.  Der Hochbau wurde aufgestockt und das mechanische Hebelwerk durch ein elektromechanisches der Bauform Siemens & Halske 1912 ersetzt. Wann und warum diese Änderungen durchgeführt worden sind, muss derzeit offen bleiben. In der Verfügung des Amtsblatts Berlin Nr. 258/1927 Gleisplan Stellwerksbezirk Wib 1927Gleisplan Stellwerksbezirk Wib 1927wird Wib in der Ausführungsform 1921 für elektrische Stellwerke der Bauform S&H 1912 aufgeführt. Diese Ausführungsform hatte geänderte Farbscheiben. Ursprünglich waren die Farbscheiben der Fahrstraßensignalhebel und des Bahnhofsblocks blau. Um eine einheitliche Aussage der Farben in der ganzen Sicherungstechnik zu erzielen, wurde ab 1921 diese Änderung durchgeführt. Demzufolge muss Wib zwischen 1921 und 1927 umgebaut worden sein. Auf dem Titelfoto ist die Aufstockung des Hochbaus eindeutig an dem hellen Mauerwerk, das sich von dem ursprünglich dunklen Mauerwerk absetzt, zu erkennen.

1934 – Wib muss dem neuen S-Bahnhof Humboldthain weichen

Mit dem Bau des Nordsüd-S-Bahntunnels ergab sich die Gelegenheit, das Wohngebiet zwischen Stettiner Bahnhof und Gesundbrunnen besser zu erschließen. Der neue S-Bahnhof Humboldthain war  direkt an der Wiesenbrücke projektiert. Um den Bahnhof in den engen Einschnitt bauen zu können, musste nicht nur der Bahneinschnitt nach Westen verbreitert werden.  Das Stellwerk Wib stand dem neuen Bahnsteig und dem Gleis nach Stettiner Vorortbahnhof im Wege. Als Ersatzbau wurde genau gegenüber des alten Hochbaus das neue Stellwerk Wib errichtet. Es war ein typischer Brademann-Bau der 1930er. Es war der Baustil der Stellwerke Snt, Rkd und Rwb. Und für die kleine Sicherungsanlage war der Hochbau sehr geräumig ausgestaltet. Der Kostenanschlag für die Herstellung der Sicherungsanlagen des Nordsüd-S-Bahntunnels von Juli 1935 erläuterte für den Neubau des Stellwerks Wib folgendes:

1 elektrisches Kraftstellwerk als Ersatz für W I B, einschl, Gebäude, sämtlicher Innen-und Außenanlagen und des Kabelnetzes, Änderung der Stellwerkanlagen Ntm und Gsv infolge Neubau des Bahnhofs Humboldthain einschl. Ergänzung der Stromlieferungsanlage Ntm.

Für das neue Stellwerksgebäude waren 110.000,00 Reichsmark, für die Ergänzung der Stromlieferungsanlage Ntm 19.000,00 Reichsmark veranschlagt.[1]

 

Der Gleisplan von 1934 zeigt eindeutig, dass das alte Wib dem Bahnhofsneubau Humboldthain im Wege stand. Plan Sammlung Lars MolzbergerDer Gleisplan von 1934 zeigt eindeutig, dass das alte Wib dem Bahnhofsneubau Humboldthain im Wege stand. Plan Sammlung Lars Molzberger

Organisatorisch gehörte das Stellwerk Wib vermutlich zum Bahnhof Gesundbrunnen, denn in der Bahnhofsdienstanweisung des Bahnhofs Stettiner Bahnhof vom 1. Juli 1927 wird Wib nicht explizit aufgeführt. Erst in einer späteren Einbesserung, die sich nicht datieren lässt, wird Wib als fünftes Stellwerk des Bahnhofs aufgeführt.

Laut dieser Einbesserung war das Stellwerk Wib mit einen Fahrdienstleiter jeweils im 12 Stunden Dienst besetzt.[2]

Das an neuer Stelle neu gebaute Wib gleicht architektonisch den anderen 1930er Jahre Bauten von Brademann. 3. Oktober 1938. Foto Heinz Meyer, Sammlung Reimann.Das an neuer Stelle neu gebaute Wib gleicht architektonisch den anderen 1930er Jahre Bauten von Brademann. 3. Oktober 1938. Foto Heinz Meyer, Sammlung Reimann.

Auch die sicherungstechnische Ausgestaltung änderte sich mehrfach:

Anfangs war die Blockform B zur Sicherung der eingleisigen Strecken eingerichtet. Dann wurde (wann?) die Blockform A mit fünf Feldern eingerichtet. Mit Stand 26. April 1933 erfolgte wieder ein Änderung auf dem Streckenabschnitt Ntm—Wib: Es wurde eine Abart der vierfeldrigen Form angewendet mit einen Anfangs- und Erlaubnisempfangsfeld für die Richtung von Ntm nach Wib. In der Gegenrichtung Wib—Ntm erteilte der Fahrdienstleiter Ntm die Erlaubnis zur Fahrt durch den Bahnhofsblock mittels Zustimmungshebel y/z. Also eine interessante Mischung aus Bahnhofs- und Streckenblock je nach Fahrtrichtung. Bemerkenswert ist auch, dass zusätzlich zur Blockbedienung alle Fahrten zwischen Ntm und Wib zurückgemeldet werden mussten.

Das Zugmeldeverfahren wurde auf dem sehr kurzen Streckenabschnitt wir folgt gehandhabt:

Von Ntm nach Wib: Sobald die Spitze des Zuges an den Liesenbrücken sichtbar wurde.

Von Wib nach Gsl: Sobald die Züge von Ntm abgemeldet wurden.

Von Wib nach Gsw: Sobald die Züge von Ntm abgemeldet wurden.

Von Wib nach Ntm: Sobald die Züge von Gsw oder Gsl abgemeldet wurden.

Stellwerksbezirke Ntm und Wib 1944Stellwerksbezirke Ntm und Wib 1944

Das Stellwerk Wib wurde bei den Bombenangriffen auf Berlin unbekannten Datums zerstört. Seine betriebliche Notwendigkeit zeigte sich darin, dass man Wib wieder aufbaute, aber eher im Stil einer Blockstelle, oder auch despektierlich „Gartenlaube“ genannt. Spätestens mit der Schließung des Bw Gesundbrunnen im Jahre 1952 war die betriebliche Notwendigkeit von Wib nicht mehr gegeben. Das Gütergleis nach Gesundbrunnen wurde sicherungstechnisch an Ntm angebunden.

Das provisorisch wiederaufgebaute Stellwerk Wib aus der Luft.Das provisorisch wiederaufgebaute Stellwerk Wib 1954 aus der Luft. Foto: Geoportal Berlin, Lizenz dl-de/by-2-0 https://www.govdata.de/dl-de/by-2-0

 

Zum Abschluss seltene Innenaufnahmen von 1929 und 1935

 

Der Fahrdienstleiter und Telegraphist(?) sowie Stellwerkskatze 1929. Rechts das Block- und Hebelwerk von Siemens & Halske. Foto Sammlung Lars MolzbergerDer Fahrdienstleiter und Telegraphist(?) sowie Stellwerkskatze 1929. Rechts das Block- und Hebelwerk von Siemens & Halske. Foto Sammlung Lars Molzberger

Der Fahrdienstleiter Wib 1935. Das Blockwerk übertrifft in der Größe das Hebelwerk. Foto Sammlung Lars MolzbergerDer Fahrdienstleiter Wib 1935. Das Blockwerk übertrifft in der Größe das Hebelwerk. Foto Sammlung Lars Molzberger

Der Fahrdienstleiter Wib am Telegraphentisch 1935. Foto Sammlung Lars MolzbergerDer Fahrdienstleiter Wib am Telegraphentisch 1935. Foto Sammlung Lars Molzberger

 

Quellen und Links

[1] Bundesarchiv R5 / 21334

[2] Bahnhofsdienstanweisung Stettiner Bahnhof vom 01.07.1927, Landesarchiv Berlin A Rep. 080-01 Nr. 102

Der S-Bahnhof Humboldthain auf Stadtschnellbahn Berlin.de

Veröffentlicht am 3. März 2024

Ergänzungen vorgenommen am 24. März 2024