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Das Stellwerk Ws in Kürze

Die telegraphische Abkürzung Ws steht für Wannsee.

  

Gleichstrombahnhofsblock, bis 1982 Felderblock für die Strecke.

Blockform zweigleisige Strecke bis 1945 und danach bis Khb. S-Bahn Strecke nach Griebnitzsee Berliner Bauform. Nach 1961 zweimal Blockform C nach Griebnitzsee und Drewitz. Ab 1983 AB 70. Nach Stahnsdorf sogar 7 Felder Block Bauform A.

 

   

Ws war vom 28. Juni 1928 bis zum 13. Juni 1993 in Betrieb. Danach durch ESTW ersetzt.

 

Das Hebelwerk von Ws stammt von der VES und hatte die Bauform VES 1912 mit Farbscheibenüberwachung.

  Architekt des Stellwerks Ws war Richard Brademann. Es steht unter Denkmalschutz.

Der Fahrdienstleiter Ws arbeitete im Bahnhof mit den Wärtern der Stellwerke Wot und Wsa sowie dem S-Bahn-Fahrdienstleiter Wsk zusammen. Die benachbarten Fahrdienstleiter waren bis 1961 auf der Fernbahn die Abzweigstelle Khb, danach das Stellwerk Gbs des Bahnhofs Griebnitzsee und Dw des Bahnhofs Drewitz. Auf der anderen Seite war das der Fahrdienstleiter Gds. Auf der S-Bahn Seite waren dies die Stellwerke Gbs bis 1961 und Std.

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Das alte und neue Stellwerk Ws

 

Im Jahre 1891 erhielt der Bahnhof Wannsee durch den Bau der Neuen Wannseebahn neue Stellwerke. Das Stellwerk Ws direkt an der Reichbahnstraße erhielt mechanische Sicherungstechnik. Zwischen 1909 und 1913 wurde der Bahnhof Wannsee abermals umgebaut, um die neue Strecke Wannsee - Stahnsdorf (die bekannte Friedhofsbahn) zu integrieren. Bei diesem neuerlichen Umbau kam keine mechanische Sicherungstechnik mehr infrage. Siemens & Halske lieferten laut [1] Hebelwerke der Bauart 1907. Diese wurden in dem alten Stellwerk Ws und dem Wärtertstellwerk Wot eingebaut. Das Stellwerk Wannsee Ws wurde 1928 im Zuge des Umbaus des Bahnhofs für die Einrichtung des elektrischen Vorortverkehrs errichtet. Architekt war Richard Brademann, der in den zwanziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts die Infrastruktur der Bahn charakteristisch prägte. Das alte Stellwerk Ws wurde nach seiner Außerbetriebnahme 1928 den Signaltechnikern als Werkstatt überlassen. Das Stellwerk wurde im Frühjahr 2006 abgerissen[2]

 

 

Das alte Stellwerk Ws ca 1975. Die Bezeichnung Ws ist noch an der vorderen Seitenwand rechts erkennbar. Foto: Slg Lars Molzberger

 

Nahaufnahme Ws alt. Am Vorbau links ist noch das auf der Spitze stehende Quadrat als Kennzeichnung für das Befehlsstellwerk zu sehen. 1982. Foto: Frank Müller


 

Das neue Ws 1928. Zentralblatt der Bauverwaltung Nr. 32 1928

 

Das neue Stellwerk Ws erhielt ein elektromechanisches Hebelwerk Bauart VES 1912 mit Farbscheibenüberwachung und Felderblock. Die Strecke nach Stahnsdorf (Friedhofsbahn), die 1913 ohne Streckenblockeinrichtungen in Betrieb genommen wurde, erhielt den Felderblock Form A für eingleisige Strecken mit sieben Feldern, weil zwischen Wannsee und Stahnsdorf die Blockstelle Dreilinden lag.

Die benachbarten Stellwerke im Bahnhof waren das Befehlsstellwerk Wsk (Wannsee Kehrbahnhof) und das vom Stellwerk Ws abhängige Wärterstellwerk Wot (Wannsee Ostturm). Die benachbarten Betriebsstellen Richtung freie Strecke waren der Blockwärter Dreilinden und die Fahrdienstleiter Kohlhasenbrück, Griebnitzsee, Grunewald Gds (vorher BK Havelchaussee) und Zehlendorf (später Lichterfelde West). Nach dem Mauerbau am 13. August 1961 wurde der Betrieb auf der Friedhofsbahn nach Stahnsdorf eingestellt und die Abzweigstelle Khb (Kohlhasenbrück) aufgelassen und abgerissen, weil sie im Grenzgebiet lag. Nach der Grenzschließung führten von Wannsee zwei eingleisige Strecken nach Drewitz und Griebnitzsee.

 

Zeichnung des Stellwerks Ws von März 1927 mit Unterschrift von Richard Brademann. Archiv Berliner Stellwerke.de

Der Stellwerksbezirk Wannsee 1940. Zeichnung Slg Lars Molzberger

Der Fahrdienstleiter Ws hatte in seinem Stellwerksbezirk 33 fernbediente Weichen, 2 Gleissperren, 10 Fahrstraßensignalhebel sowie 13 Befehls- und Zustimmungshebel (Stand 1982) unter seiner Kontrolle. Nicht gerade wenig. Auf Grund des hohen Verkehrsaufkommens (1982 72 fahrplanmäßige Züge am Tag ohne Bedarfs- und Leerfahrten) war das Stellwerk mit einem Fahrdienstleiter und einem Stellwerksmeister besetzt. Für die Einfahrten nach den Gleisen 5 und 6 benötigte der Fahrdienstleiter Ws die Zustimmung des Fahrdienstleiters Wsk, weil in diesen Fahrwegen von ihm bediente Weichen lagen. Die Weichen 46 und 49 ließen die Fahrten von den Gleisen 5 und 6 in die Kehrgleise 23 bis 25 zu. Für eine Einfahrt nach Gleis 5 erteilte der Fahrdienstleiter Wsk dem Fahrdienstleiter Ws eine Zustimmung für den Fahrwegabschnitt in seinem Bereich. Erst dann konnte der Fahrdienstleiter Ws den Befehl an den Stellwerksmeister Wot für die Einfahrt erteilen.

 

Das Hebelwerk mit dem Block und der Originaluhr von 1928. 10. Juli 1982. Foto Frank Müller

 

Die Zeit nach 1945


1945 demontierten die Sowjets das Gleis Potsdam - Wannsee. Der materiellen Not geschuldet wurde auf dieser nun eingleisigen Strecke die Blockform „Berliner Bauart", bei der durch eine komplizeirte Schaltung das Anfangs- und Erlaubnisfeld in einem Blockfeld zusammengefasst war. Näheres zu dieser Bauform demnächst auf diesen Seiten. Wie oben schon angedeutet, war Wannsee nach dem 13. August 1961 der letzte Bahnhof in Berlin-West an der Wetzlarer Bahn. Die nächsten Bahnhöfe Griebnitzsee und Drewitz lagen im Bezirk Potsdam auf DDR-Gebiet. Die übertriebenen Sicherheitsbedürfnisse der DDR verlangten die grundsätzliche Überwachung der Ferngespräche zwischen den Fahrdienstleitern. Ein kleines Pläuschchen am Rande war nicht möglich, denn die Grenztruppen der DDR hörten die Zugmeldungen mit. Das war aber nicht alles. Die Sicherungsanlagen wurden den Erfordernissen der Grenzsicherheit angepasst.

Zwischen Wannsee und Griebnitzsee gab es einen besonderen Streckenblock. Normalerweise ist auf eingleisigen Strecken der Felderblock Bauform C eingerichtet. Er besteht aus drei Blockfeldern: Anfangs-, Erlaubnis- und Endfeld. Das Erlaubnisfeld stellt sicher, dass nicht zwei Züge entgegengesetzt auf die eingleisige Strecke einfahren können.

Denkbar ist aber folgende Situation: Der Fahrdienstleiter Griebnitzsee (Gbs) blockt den Zug ordnungsgemäß zurück. Es könnte doch ein Zug von Wannsee hinterherfahren. Zwar wäre das ein Verstoß gegen die Fahrdienstvorschrift (Zugmeldeverfahren), weil der Zug dem Fahrdienstleiter Gbs nicht angeboten worden ist. Aber durch Nachlässigkeit (oder gar gewollt?) kann die Situation eintreffen. Damit diese grenzgefährdende Situation nicht eintreffen kann (ein Flüchtling könnte auf den vor dem Bahnhof wartenden Zug aufspringen), wurde der Streckenblock um ein viertes Feld erweitert: dem Zustimmungsfeld.

Die „Dienstanweisung für die Durchführung des Zugbetriebs zwischen den Bahnhöfen Wannsee und Griebnitzsee bzw Drewitz" vom 11. September 1974 beschreibt den Ablauf:



 

 

Der Fahrdienstleiter Ws hatte einen schönen Blick auf dem Wannsee. 10. Juli 1982. Foto Frank Müller



Zweigleisiger Ausbau der Strecke Wannsee – Griebnitzsee 1982/83

1982/83 wurde durch Finanzmittel der Bundesrepublik Deutschland die Strecke Berlin- Wannsee bis Griebnitzsee sowie zwischen Potsdam Stadt und Werder für 64 Mio DM  zweigleisig ausgebaut und modernisiert. Zwischen Wannsee und Griebnitzsee wurde die Strecke in mehrere Blockabschnitte unterteilt. Der Abzweig nach Drewitz wurde von Fahrdienstleiter Gbs aus gesteuert, der dafür ein elektromechanisches Hebelwerk Bauart E 12/78 erhielt, das am 28. November 1983 in Betrieb ging. Als Streckenblock wurde der Automatischer Streckenblock Entwicklungsjahr 1970 (AB 70) eingerichtet. Der AB 70 ist ein normierter universell einsetzbarer Streckenblock. Vorher gab es verschiedene Streckenblocktypen bei der DR. In Anlehnung an die Entwicklung des Spurplanstellwerks GS III Sp 68 wurde dieser automatische Block entwickelt, um rationell und wirtschaftlich produzieren zu können. Mittels Programmstecker kann man alle vorkommenden Anwendungsfälle beherrschen. In Wannsee war der Zweirichtungsbetrieb mit Erlaubniswechsel eingerichtet. Beim AB 70 gibt es die Erlaubniswechsel der Form U und V. Bei der Form U bleibt die Erlaubnis unabhängig von der Anzahl der Zugfahrten bei der Betriebsstelle, die sie hat. Erst durch Tastenbedienung wird die Erlaubnis gewechselt. Bei der Form V ist die Erlaubnis meist der Betriebsstelle zugeordnet, die eine Fahrt in der Regelrichtung einlässt. Für eine Gegengleisfahrt wird die Erlaubnis gewechselt. Nach dieser Fahrt kehrt die Erlaubnis selbsttätig an die abgebende Betriebsstelle zurück. In Wannsee wurde die Form V angewandt mit der Besonderheit, dass die Erlaubnis für die Regelrichtung nach der Zugfahrt nach Gbs zurückkehrte, damit kein Zug unerlaubt Nachfahren konnte (siehe oben).

Auf den unteren  Dokumenten sind die Ausleuchtungen des AB 70 für beide Richtungen zu sehen. Das dritte Dokument ist eine Streckenkarte mit dem Zustand nach dem zweigleisigen Ausbau. Zum Vergrößern bitte auf das Bild klicken.

Ausleuchtung AB70 Streckengleis 1. Sammlung Frank MüllerAusleuchtung AB70 Streckengleis 2. Sammlung Frank MüllerStreckenkarte Wannsee Griebnitzsee. Sammlung Frank Müller

 

 

1984 übernahm die BVG die Betriebsführung der Berliner S-Bahn. In Wannsee wurden die Stellwerke Wsa und Wsk durch Personale der BVG besetzt. Beim Stellwerk Ws änderte sich nichts. Es verblieb weiterhin bei der Deutschen Reichsbahn. 1988 plante die BVG den Bau eines Regionalstellwerks für den Bf Wannsee. Ein Siemens Spurplanstellwerk Sp Dr S60 sollte den gesamten Bahnhof Wannsee steuern. Durch die politische Wende 1989 kam das Stellwerk in dieser Form nicht mehr zur Ausführung. Es war abzusehen, dass die S-Bahn in ganz Berlin zukünftig wieder von der Deutschen Reichsbahn betrieben wird. Die beiden deutschen Bahnen modernisierten die Strecke Berlin-Helmstedt für das Projekt ICE1993. Im Zuge dieser Modernisierung wurden die ersten elektronischen Stellwerke in Berlin projektiert. Eines davon wurde in dem Gebäude des geplanten Regionalstellwerks in Wannsee eingerichtet und am 13. Juni 1993 in Betrieb genommen. Das Stellwerk Ws ging mit der Inbetriebnahme des Estw außer Betrieb.  Fernbahn und S-Bahn wurden (und werden) durch jeweils eigene Stellwerk gesteuert. Das elektronische Stellwerk (Estw) der S-Bahn wird im Zuge der Zentralisierung der Stellwerke in Betriebszentralen im Oktober 2010 in die BZ Halensee umziehen.

 

 

Das Stellwerk Ws heute

 

Wie sieht es heute im Stellwerk Ws aus? Der Autor wollte es wissen und besuchte den unter Denkmalschtutz stehenden Brademann-Bau. Äußerlich ist das Stellwerk gut erhalten. Die Bausubstanz sieht für ihre über 80 Jahre noch ansprechend aus. Das Stellwerk wäre schon längst abgerissen, wenn dem nicht so ist. Unter dem Gebäude fahren die Züge des Regional- und Fernverkehrs sowie Güterzüge durch. Bei einer möglichen Statikbeeinträchtigung des Stellwerks würde auch kein Denkmalschutz mehr helfen, da sonst der gesamte Fernverkehr zwischen Wannsee und Griebnitzsee/Drewitz eingestellt werden müsste. Man kann mit Fug und Recht sagen, dass Richard Brademanns Bauten Qualitätsbauten sind. Das kann so manches Einfamilenhaus heutzutage nicht von sich behaupten!

Der Innenraum ist im total desolaten Zustand, wenn man das noch sehr diplomatisch ausdrücken möchte! Die Bezeichnung Vandalismus trifft eher des Pudels Kern. Der Putz fällt von den Wänden ab, teilweise kommt man sich wie in einer Tropfsteinhöhle vor. Ein Schrank ist umgeworfen. Man Spuren der Nutzung durch Nichtseßhafte erkennen. Deutlich sieht man die Reste einer Couch und Kochgeschirr. Sogar Handfeger und Müllschippe sind vorhanden. Wer wollte denn hier aufräumen?

Wo ist das Hebelwerk geblieben? Nach Zeitzeugeninformationen wurde das Hebelwerk nach der Außerbetriebnahme an die polnische Staatsbahn PKP verkauft. Ob das Hebelwerk dort zum Einsatz gekommen ist oder als Ersatzteillager diente, entzieht sich leider meiner Kenntnis.

 



 

 

 

 

 

 Quellen und weitere Links

[1] Siemens und Halske: Ausgeführte Stellwerke bis 1914 Archiv DTM III.2 090033. Dort steht für Wannsee das Auslieferungsjahr 1909
[2] Berliner Verkehrsblätter 10/2006 Kurzmeldungen Seite 204
Zeitzeugenaussagen insbesondere von Frank Müller und anderen, die namentlich nicht genannt werden möchten