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Was fällt Ihnen zu Altenburg ein? Natürlich Spielkarten. Die Firma ASS (Altenburger und Stralsunder Spielkartenfabrik) stellt in Altenburg Spielkarten von Weltklasseruf her.  Sie  fragen sich bestimmt, was hat das mit Stellwerke und Sicherungstechnik zu tun? Mit Spielkarten nichts. Eher mit der heutigen Einzigartigkeit einer Stellwerksbauform: Auf dem Bahnhof Altenburg sind die letzten elektromechanischen Stellwerke der Bauform Orenstein & Koppel in Deutschland in Betrieb. Orenstein & Koppel (O&K), den Lokfreunden als Fahrzeughersteller bekannt, hatte auch eine Signalbausparte. 1930 erhielt O&K die Lizenz zum Bau von elektromechanischen Stellwerken eigener Bauform. Bevor ich zu den Stellwerken komme, möchte ich Ihnen kurz den Bahnhof Altenburg vorstellen:

 

1.  Ein repräsentativer Bahnhof für ein kleines Herzogtum

 

Das Herzogtum Sachsen-Altenburg bestand von 1603 bis 1918 und wurde von der Dynastie der Wettiner regiert. Das sehr kleine Herzogtum (1910 gerade mal 1.324 km2 groß) wollte seinen Bahnhof unbedingt so nah wie möglich an seine Residenzstadt legen. Ein Weiterbau der Strecke Richtung Süden ließen die topographischen Verhältnisse nicht zu.  Das hatte zur Folge, dass der erste Bahnhof Altenburg, der am 19. September 1842 seinen Betrieb aufnahm, ein Kopfbahnhof war und die Strecke Leipzig—Hof einen 180 Grad Bogen machen musste.  Der Kopfbahnhof erwies sich wegen des zunehmenden Verkehrs als Hindernis. Die Lösung war ein Neubau des Bahnhofs weiter östlich, der als Durchgangsbahnhof 1878 seinen Betrieb aufnahm.

 

Das Empfangsgebäude des Bahnhofs Altenburg von der Gleisseite 1904. Slg G. GrundmannDas Empfangsgebäude des Bahnhofs Altenburg von der Gleisseite 1904. Slg G. Grundmann


Neben der Strecke Leipzig—Hof war Altenburg Abgangsbahnhof für zwei weitere Strecken: Die 1872 in Betrieb genommene Strecke Zeitz—Altenburg. Der Hauptzweck des Bahnbaus war die Erschließung der Braunkohleabbaugebiete in Raum Meuselwitz-Rositz. Die Strecke ist seit Ende 2002 außer Betrieb, wird aber von der Waggonbau Altenburg GmbH teilweise für die Abstellung von Wagen benutzt. Die zweite Strecke ist die 1901 in Betrieb genommene Nebenbahn nach Langenleuba-Oberhain. Sie  diente der ebenfalls der Erschließung der Braunkohleabbaugebiete im Altenburger Land. Diese Strecke ist seit 1999 außer Betrieb. Neben dem Personen- und Güterbahnhof Altenburg existiert nördlich in Richtung Leipzig noch der ehemalige Verschiebebahnhof Altenburg. Dieser ist an die Waggonbau Altenburg GmbH verpachtet. Heute wird der Bahnhof Altenburg durch die RE Linie 3 Altenburg—Erfurt, die S-Bahn Linie S5 Zwickau—Halle (Saale) und der S-Bahn Linie S5X Zwickau—Flughafen Leipzig/Halle bedient.[1]

 

2. Die Stellwerke des Bahnhofs Altenburg

 

Als Erstes möchte ich mich bei den Verantwortlichen der DB Netz AG, Regionalbereich Südost für die freundliche Unterstützung und Genehmigung bedanken. Man ist mir mir Rat und Tat zur Seite gestanden und hat mich in die Spezifikationen der Bauform eingeweiht.

 

Das Befehlsstellwerk B5 an der Einfahrt aus Richtung Leipzig regelt die Fahrten auf Signal B in die durchgehenden Hauptgleise mit den Personenbahnsteigen und in die  Hauptgleise 4 bis 7. Von Zeitz kommend regelte er die Fahrten in die Stumpfgleise 19 und 20 auf Signal C.  Zusätzlich besteht eine Übergabegruppe vom Verschiebebahnhof Altenburg. 1938 bediente  B5     36 Weichen, 14 Gleissperrsignale, 18 Signalhebel und 14 Befehls-/Zustimmungshebel. Das Hebelwerk hatte/hat ein Länge von beachtlichen 7,14 m.  Bei den Einfahrten von Leipzig nach Gleis 1,2,4 benötigte der Fahrdienstleiter B5 blockelektrische  Zustimmungen nicht nur vom Weichenwärter W7, sondern auch von der Aufsicht Altenburg.  Für die Einfahrten von Zeitz in die Stumpfgleise 19 und 20 erteilte die Aufsicht Altenburg ebenfalls die blockelektrische Zustimmung.

 

Das Stellwerk B5 ist seit 1938 in Betrieb. Foto 23. September 2015 Lars MolzbergerDas Stellwerk B5 ist seit 1938 in Betrieb. Foto 23. September 2015 Lars Molzberger

 

Ein Blick durch das Stellwerk B5 1941. Rechts der Schreibtisch des Fahrdienstleiters. Foto Archiv Berliner Stellwerke.deEin Blick durch das Stellwerk B5 1941. Rechts der Schreibtisch des Fahrdienstleiters. Foto Archiv Berliner Stellwerke.de

 

1941 waren Fernschreiber noch wuchtige Maschinen, die ihren Platz beanspruchten. Foto Archiv Berliner Stellwerke.de1941 waren Fernschreiber noch wuchtige Maschinen, die ihren Platz beanspruchten. Foto Archiv Berliner Stellwerke.de

 

Die über 7 Meter lange Hebelbank von B5 ist auch heute noch imposant anzusehen. Foto 23. September 2015 Lars MolzbergerDie über 7 Meter lange Hebelbank von B5 ist auch heute noch imposant anzusehen. Foto 23. September 2015 Lars Molzberger

 

Das Stellwerk W6 ist der Nachbarstellwerksbezirk von B5.  Hier ergibt sich die Besonderheit, dass die Weichen 61 bis 66 vom Stellwerk W6 bedient, die davor liegenden Ausfahrsignale L5 bis L7  aber vom Stellwerk W7 bedient werden. Das Stellwerk W6 diente als reines Rangier- und Zustimmungsstellwerk im Bahnhof Altenburg. Der Wärter W6 war an den Zugfahrten  nur mittelbar beteiligt.  Er gab seine Zustimmung an das Stellwerk B5. Dadurch wurde der Befehlshebel für die Ausfahrten L5 bis L7  frei. Mit der Befehlsabgabe für die jeweiligen Fahrten konnte W7 die Ausfahrten Richtung Hof bedienen. Das Stellwerk W6 bediente 1938 11 Weichen, 1 Gleissperre und 7 Zustimmungshebel bei einer Hebelwerkslänge von 1,44 m. Das Stellwerk ist seit Oktober 2010 außer Betrieb.

 

Seit 2010 außer Betrieb, steht der Hochbau des Stellwerks W6 noch. Frank Thomas fotografierte am 24. Januar 2011 das Stellwerk. Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung von Frank Thomas, www.unstrutbahn.deSeit 2010 außer Betrieb, steht der Hochbau des Stellwerks W6 noch. Frank Thomas fotografierte am 24. Januar 2011 das Stellwerk. Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung von Frank Thomas, www.unstrutbahn.de

 

Zwischen W6 und W7 gab es einen zweiten Bahnhofsteil mit den Gleisen 4a bis 8a. Es war möglich, einen Zug auf Hauptsignal von Gleis 4 nach Gleis 4a zu fahren, damit das Gleis 4 für Zugüberholungen genutzt werden konnte. Dieser Bahnhofsteil wird vom Stellwerk W7 bedient. 1938 bediente der Wärter 24 Weichen, 4 Gleissperrsignale, 7 Signal- und 11 Zustimmungshebel bei einer Hebelwerkslänge von 4,50 m. Der Weichenwärter W7 führt im Auftrag des Fahrdienstleiters B5 Fahrten aus Richtung Hof in die Gleise 1 bis 5 und umgekehrt aus den Gleisen 1 bis 6 in Richtung Hof durch . 2010 vereinfachte man die Infrastruktur, das Stellwerk W6 konnte aufgelassen werden. 

 

 

Das Stellwerk W7 an der Bahnhofsseite Richtung Hof. Das Ausfahrsignal M zeigt freie Fahrt durch Hl 1. 23. September 2015 Lars MolzbergerDas Stellwerk W7 an der Bahnhofsseite Richtung Hof. Das Ausfahrsignal M zeigt freie Fahrt durch Hl 1. 23. September 2015 Lars Molzberger

 

 

3. Quellen und weitere Links

[1] Eine sehr gute Webseite zum Bahnhof Altenburg: http://www.bahnhof-altenburg.de/index.htm
Weitere Informationen zu Altenburg auf Sachsenschiene.net.

Veröffentlicht am 28. Januar 2016