Das Stellwerk Bos in Kürze

 

Die telegraphische Abkürzung Bos steht für Bornholmer Straße.

  

Sv-Automatikblock nach Schönholz, Pankow und Gesundbrunnen.

 

   

Das elektromechanische Stellwerk Bos war vom 1. Oktober 1935 bis zum 13. August 1961 in Betrieb.

 

Das elektromechanische Hebelwerk von Bos mit Farbscheibenüberwachung stammt von der VES.

 

Architekt des Stellwerks Bos war Richard Brademann. Es fiel dem Abriss zum Opfer. Der Standort des Stellwerks Bos bei Bing Karten.

Der Fahrdienstleiter Bos arbeitete mit den benachbarten Fahrdienstleitern Gesundbrunnen Gsv, Pankow Pks und Schönholz Snt zusammen. Das Titelbild zeigt den deutlich Verfall eines verlassenen Gebäudes, obwohl es zum Zeitpunkt der Aufnahme im Januar 1981 im Grenzgebiet stand. Foto Frank Müller

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1. Das Stellwerk Bos sorgte für die Trennung der nördlichen S-Bahn-Strecken

 

1935 wurden durch den Bau des Nord/Süd S-Bahn Tunnel für die verkehrliche Erschließung der umliegenden Wohngebiete zwei neue S-Bahnhöfe erbaut: Humboldthain und Bornholmer Straße. Die Vorortstrecken nach Bernau und Oranienburg/Velten verzweigten sich bis zur Inbetriebnahme des neuen Stellwerk Bos an der Abzweigstelle Sga (Südgabelung - Der Begriff „Gabelung" ist die deutsche Umsetzung des englischen „junction", das soviel wie Verzweigung, Übergang bedeutet). Das Stellwerk Sga lag direkt an der Behmstraßen-Brücke.

Das neue Stellwerk wurde architektonsich dem neuen Bahnhof angepasst. Bahnhof und Stellwerk stammen von Richard Brademann. Der Fahrdienstleiter Bos bediente zwei Weichen und drei Signale (an den  Bahnsteigen. Ob noch mehr Signale durch den Fdl Bos bedient wurden, konnte nicht geklärt werden). Es kamen Sv-Signale mit Blendenrelaissteuerung zum Einsatz.

Bornholmer Straße 1962. Sieht man von den Veränderungen wegen des Mauerbaus ab, entspricht die Ansicht die von 1935. Zeichnung Sammlung Lars MolzbergerBornholmer Straße 1962. Sieht man von den Veränderungen wegen des Mauerbaus ab, entspricht die Ansicht die von 1935. Zeichnung Sammlung Lars Molzberger

 

 

1.1. Exkurs: Der Bahnhof Bornholmer Straße

 

Das trieste Ambiente des Bahnhof Bornholmer Straße im Januar 1981.  Foto: Frank MüllerDas trieste Ambiente des Bahnhof Bornholmer Straße im Januar 1981. Foto: Frank Müller

 

 

Der Bahnhof Bornholmer Straße, bei seiner Eröffnung als „Berlins schönster Bahnhof" bezeichnet[1], hat durch seine Lage so Einiges an politischen Umwälzungen erleben müssen.

Eigentlich sollte der Bahnhof nur den Umsteigeverkehr und der Erschließung der umliegenden Wohngegend dienen. Nichts Besonderes, dafür ist die Architektur wohl einmalig: Richard Brademann - sonst bekannt für Ziegelbauten mit Klinkerverblendung - gestaltete hier einen Stahlskelettbau, dessen tragende Konstruktion nach Außen sichtbar blieb und mit sandfarbenen Keramikfliesen verblendet wurde. Das fünfeckige Empfangsgebäude mit aufgesetztem Oberlicht und einen Turm, der das S-Bahn-Symbol weithin sichtbar machte, war an die imposante Konstruktion der am 11. September 1916 eröffneten Hindenburgbrücke angelehnt (seit dem 05. Juli 1948 aus politischen Gründen nach dem 1944 hingerichteten Wilhelm Böse in Bösebrücke umbenannt).[2]


Der Bahnsteig B war nur einseitig ausgebildet, die Verzweigung der Strecken Richtung Schönholz und Pankow lag nördlich hinter dem Bahnsteig. Der Bahnsteig A widerum war als Mittelbahnsteig ausgebildet, die beiden Strecken vereinten sich erst südlich hinter dem Bahnsteig A.

Am 13. August 1961 wurde der Bahnhof geschlossen, obwohl er nur wenige Meter zum damals französischen Sektor entfernt lag.  Forderungen nach Wiedereröffnung - auch durch die BVG - wurden von der DDR nicht erfüllt. So verrotteten die Anlagen, Teile des Bahnsteigs B wurden 1987 sogar abgetragen. So wäre es noch lange weiter gegangen, wenn nicht zwei Jahre später an diesem Bahnhof wieder Geschichte geschrieben wurde: In der Nacht vom 09. auf dem 10. November 1989 wurde die Mauer nach 28 Jahren wieder für DDR-Bürger durchlässig, der Weg zur politischen Einheit Deutschlands war damit bereitet.

Am 22. Dezember 1990 hielten wieder Züge am Bahnsteig A. Endgültig fertig wurde der Bahnhof am 01. Dezember 1997. Seitdem halten Züge Richtung Oranienburg an der Bahnsteigkante des Bahnsteig B, die zuvor nie einen S-Bahn-Zug gesehen hat. Die ursprüngliche Verzweigung der Nordstrecken wird jetzt in Berlin-Gesundbrunnen vorgenommen.

Weitere Informationen zum Bahnhof Bornholmer Straße: http://www.stadtschnellbahn-berlin.de/bahnhof/bahnhof.php?bhf=138

 

 

2.  Die Zeit von 1945 bis 1961

 

Nach knapp 10 Jahren wurde der Betrieb kriegsbedingt bis 11. Juni 1945 eingestellt. Danach verkehrten Dampfzüge, bis am 19. Juli 1945 wieder elektrische S-Bahnen fuhren. 15 Jahre später erprobte die Deutsche Reichsbahn erstmals den Verzicht auf die örtliche Aufsicht: Der schnurgerade Bahnsteig B war geradezu prädestiniert für die Abfertigung mittels Kameras, der sogenanten Fernbeobachtungsanlage. Ab November 1960 wurde die Aufsicht des Bahnsteig B eingespart, der Fahrdienstleiter Bos übernahm die Abfertigung der Züge. Mittels eines grünen Lichtsignals wurde der Abfahrauftrag erteilt.[3] Nicht mal ein Jahr später konnte die Deutsche Reichsbahn noch mehr einsparen: Der Bahnhof und das Stellwerk wurden durch den Mauerbau außer Betrieb genommen. Damit endete eine relativ kurze Betriebszeit dieses Stellwerks.

Das Stellwerk Bos verfiel im Laufe der Zeit. Anfang der 1980er Jahre waren die Fensterscheiben demoliert, die Eingangstür aufgebrochen, siehe auch das Eröffnungsbild. Später wurden die Fenster mit Blechplatten verblendet, um weitereren Vandalismus entgegenzutreten.

 

 

Das Stellwerk Bos wurde in den 1990er Jahren abgerissen. Trotzdem lebt die alte Bezeichnung weiter: Der Bahnhof Bornholmer Straße wird durch das ESTW mit gleichen Namen wie das alte Stellwerk  gesteuert.

 


So sah das Stellwerk aus der Führerstandsperspektive aus. Frühjahr 1981.  Foto: Frank MüllerSo sah das Stellwerk aus der Führerstandsperspektive aus. Frühjahr 1981. Foto: Frank Müller

 

Fünf Jahre später waren die Fenster verblendet. 5. Oktober 1986. Foto: Jobst PetigFünf Jahre später waren die Fenster verblendet. 5. Oktober 1986. Foto: Jobst Petig

 

Stellwerk und Bahnhof aus dem Führerstand Fahrtrichtung Gesundbrunnen. 5. Oktober 1986. Foto: Jobst PetigStellwerk und Bahnhof aus dem Führerstand Fahrtrichtung Gesundbrunnen. 5. Oktober 1986. Foto: Jobst Petig

 

3.  Quellen und weitere Links

[1] Meyer-Kronthaler, Jürgen/Kramer, Wolfgang: Berlins S-Bahnhöfe - Ein dreiviertel Jahrhundert, be.bra Verlag 1998,

Seite 45

[2] Die Bösebrücke bei Wikipedia

[3] Jacob, Manuel: Sicher ist Sicher! - Wie der Betrieb auf der Berliner S-Bahn funktioniert, Verlag Neddermeyer 2000,

Seite 61

Zeitzeugenaussagen

Veröffentlicht am 14. Dezember 2011. Letzte Bearbeitung am 19. November 2015