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Vorbemerkung

 

Dieser Beitrag erschien in den Berliner Verkehrsblättern 06/2012 unter dem Titel „Berliner Eisenbahnsignal-Bauanstalten". Für die Webseiten wurde der Beitrag auf alle bekannten Firmen erweitert, die im deutschen Raum (ehemaliges Deutsche Reich in den Grenzen von 1937 bzw. die beiden deutschen Staaten nach 1945) Sicherungsanlagen produzierten.

 

Eisenbahnsignal-Bauanstalten – eine kurze Geschichte

Als 1835 die erste Eisenbahn im heutigen Deutschland zwischen Nürnberg und Fürth verkehrte, brauchte man sich über Sicherheit keine Gedanken machen. Es war nur ein Zug unterwegs, die Geschwindigkeit war relativ gering und die Bahnanlagen waren sehr übersichtlich. Mit zunehmenden Verkehr und den daraus entstehenden Gefahren machten sich findige Köpfe Gedanken, wie man den Eisenbahnbetrieb sicher und rationell durchführen kann. 1856 patentierten die Engländer Saxby & Farmer das erste Stellwerk mit Abhängigkeiten zwischen Weichen und Signalen. Die ersten Stellwerke in Deutschland waren Lizenzbauten von Saxby & Farmer, wie das erste Stellwerk in Börßum 1868. Da die englischen Stellwerke einige Nachteile für deutsche Betriebsabläufe hatten, konstruierten Ingenieure wie Büssing, der bei der Eisenbahn-Signalbau-Anstalt Max Jüdel und Co. wirkte, eigene Stellwerke für deutsche Verhältnisse. Bei den englischen Stellwerken waren alle Weichen in einer Kaskade abhängig, ein freies rangieren war so nicht möglich. In Deutschland wollte man aber frei rangieren und nur die Zugfahren sichern. Büssing, der als der Wegbereiter des mechanischen Stellwerks in Deutschland gilt, ist übrigens der gleiche, der 1903 die „Heinrich Büssing, Specialfabrik für Motorlastwagen, Motoromnibusse und Motoren, Braunschweig, Elmstraße“, die spätere Büssing AG, gründete. So stammen so unterschiedliche Technologien wie Stellwerke und D2U-Busse von ein und dem selben Schöpfer.[1]

Ab 1870 erkannten die Eisenbahnverwaltungen die Bedeutung der aufkommenden Stellwerke für die Sicherheit und Rationalisierung des Betriebes. Daraus folgend erlebten die Firmen, die Sicherungstechnik entwickelten, ebenfalls einen Boom. 1912 wollten allein 15 Eisenbahn-Signalbau-Anstalten den Eisenbahnverwaltungen ihre Erzeugnisse verkaufen.[2] Zwei der bekanntesten Eisenbahn-Signalbau-Anstalten – Max Jüdel und Co. und Schnabel und Henning – produzierten in Braunschweig und Bruchsal. Dafür befand sich in Berlin die größte Dichte von Eisenbahn-Signalbau-Anstalten. Bis 1945 waren es 8 Firmen, die in Berlin für die Eisenbahnverwaltungen Sicherungsanlagen bauten. Berlin war also nicht nur ein bedeutender Standort für die Eisenbahn-Fahrzeug-Industrie (wie Borsig). Weil Eisenbahn-Sicherungstechnik dezent im Hintergrund wirkt, standen die entsprechenden Firmen nicht so sehr im öffentlichen Fokus als die hinter der Dampflokomotive stehende Industrie. 

Schnabel und Henning - die älteste Eisenbahnsignal-Bauanstalt in Deutschland

 

Verwaltungsgebäude der Maschinenfabrik Bruchsal vormals Schnabel und Henning ca 1910. Archiv Berliner Stellwerke.de

 

1867 kam der Ingenieur Theodor Henning in England erstmals mit Sicherungsanlagen von Saxby & Farmer in Berührung. Für die Einfahrt in den Stettiner Güterbahnhof bestellte die Eisenbahndirektion Stettin bei Saxby & Farmer in London ein Stellwerk. Henning, angestellt bei der Kölner Maschinenfabrik Bayenthal, leitete die Montage. Das Stellwerk erwies sich als Fiasko, denn durch die Abhängigkeit bei Umstellen der Weichen (Verschluß durch eine Kaskade hintereinander) war das Rangieren sehr behindert. Es wurde kurze Zeit später außer Betrieb gesetzt. Ebenfalls 1867 verhandelte die Braunschweigische Eisenbahn mit Saxby & Farmer über die Lieferung eines Stellwerks. Für die Anbindung der Strecke Börßum-Salzgitter-Kreiensen mußte der Bahnhof Börßum umgebaut werden. Das Stellwerk wurde jedoch nicht von Saxby & Farmer bezogen, sondern als Lizenzbau von der Kölnischen Maschinenfabrik Bayenthal. An diesem Stellwerk konnten Theodor Henning und Heinrich Büssing von der Braunschweigschen Eisenbahn ihre Erfahrungen für die Anpassung an deutsche Betriebsverhältnisse sammeln. Thedor Henning erkannte das Zukunftspotential der Sicherungstechnik und gründete am 01. Juni 1869 mit seinem langjährigen Weggefährten Adolf Schnabel - einem Kaufmann - die „Maschinenfabrik Schnabel & Henning in Bruchsal" mit 13 Arbeitern und einem Zeichner.

Ansicht der Fabrikationsanlagen der Maschinenfabrik Bruchsal vormals Schnabel und Henning ca. 1910. Archiv Berliner Stellwerke.de

In den ersten Jahren wurden aber nicht hauptsächlich Sicherungsanlagen hergestellt, sondern Dampfheizungen, Brücken, eiserne Dachstühle. Ein Kunde der Maschinenfabrik war der spätere Nähmaschinenfabrikant Max Carl Gritzner. Bis 1877 waren gerade mal 5 Stellwerke mit 59 Hebeln gebaut, 1910 bereits 5621 Stellwerke mit 69447 Hebeln. 1874 wurde die Firma in eine Kommanditgesellschaft namens „Schnabel & Henning Commanditgesellschaft Bruchsal. Hintergrund war das Verlustgeschäft mit einem hydraulischen Stellwerk.

1894 schieden die beiden Firmengründer aus dem Unternehmen aus und verblieben als Gesellschafter in der umgewandelten GmbH. Bereits zwei Jahre später wurde die Firma wiederum umgewandelt und firmierte als „Maschinenfabrik Bruchsal AG vormals Schnabel und Henning. Zu dieser Zeit arbeiten 600 Personen in der stark erweiterten Firma. Stellwerke wurden u.a. nach der Schweiz, Rumänien und Argentinien geliefert. Bis 1910 ging die Auftragslage zurück, der Stellwerksboom war am Abflauen. Zwischen 1914 und 1918 wurde für den Kriegsbedarf produziert, z.B. Granaten. Die vor dem Kriegsbeginn vorbereitete Fusion mit der C. Stahmer AG und der Zimmermann & Buchloh AG zu den Deutschen Eisenbahn Signalwerken wurde 1917 vollzogen. Dieser Zusammenschluß konnte die wirtschaftlichen Schwierigkeiten nicht mildern, sodass 1924 die Schließung des Werkes drohte. Also suchte man nach einem neuen Produktionszweig und fand ihn schließlich im Automobilbau: der Kleinwagen Diabolo wurde bis 1927 gebaut. Danach liefen die Kerngeschäfte wieder besser. 1926 erfolgte der Zusammenschluß mit Jüdel zu der Eisenbahn-Signalbau-Anstalten-AG. Zwei Jahre später ging dieser Zusammenschluß zusammen mit Siemens und der AEG in die Vereinigten Eisenbahn-Signalbau-Anstalten (VES) auf.Am Standort Bruchsal wurde für den süddeutsschen Bereich und dem Ausland gefertigt.

 

Das Firmenschild der Deutschen Eisenbahnsignalwerke ohne Jahr. Archiv Berliner Stellwerke.de

 

Nach 1945 ging die Auftragslage rapide zurück und man suchte abermals nach neuen Produktlinien. Man fand sie in der Fertiung von Fernsprecheinrichtungen. Nach mehreren Umstrukturierungen wird heute noch am Standort Bruchsal als Nokia Siemens Networks gefertigt.

Stellwerke der Bauart Bruchsal fielen durch ihre Bauartenvielfalt auf. Es gab Stellwerke mir vorn liegendem senkrechten Verschlußregister (z.B. Bauart G) und einheitsähnliche Stellwerke mit hinten waagerecht liegenden Verschlußregister (Bauart J). Schnabel und Henning erfanden das Stellwerk mit Doppeldrahtzug für Weichen und den Weichenspitzenverschluß.

 

Max Jüdel & Co - die erfolgreichste Eisenbahnsignal Bauanstalt

 

 

Das Fabrikgelände von Max Jüdel & Co in Braunschweig 1912. Archiv Berliner Stellwerke.de

 

 

1869 gründeten Ungnade & Claus eine Signalbaufirma in Braunschweig, die neben Schnabel & Henning in den florierenden Stellwerksbau einsteigen wollten. Diese Firma würde neben Schnabel & Henning die älsteste Signalbau-Anstalt in Deutschland sein, wenn nicht vier Jahre später der Konkurs drohte (Nomen est Omen?). Max Jüdel, der lieber seiner Karnevals-Leidenschaft (sein 1872 gegründeter Karnevalsclub exisitiert noch heute unter den Namen Braunschweiger Karneval-Gesellschafft von 1872)  fröhnte und zu dem werden drohte, was man heute als „Beruf Sohn" nennt, bekam von seinen vermögenden Vater, dem diese „Berufswahl" überhaupt nicht passte, die in Konkurs gegangene Firma Ungnade & Claus übergeholfen. Und wie das Leben so spielt, Max Jüdel und Co. wurde zu der erfolgreichsten Eisenbahnsignal-Bauanstalt Deutschlands. 1892 wurde immerhin das 1000 Stellwerk ausgeliefert. 1942 waren im Deutschen Reich laut einer Aufstellung vorhandener Stellwerksbauarten ohne Ostbahndirektionen 5757 Stellwerke Bauart Jüdel in Betrieb. Damit dürfte die Überschrift nicht übertrieben sein. Woher kommt der Erfolg? Max Jüdel war kaufmännischer Leiter der Firma, technischer Leiter war der Ingenieur Heinrich Büssing. Der versierte Büssing übernahm 1873 den Vorschlag des Leiters der Rheinischen Bahnen Rüppell, Schubstangen für die Abhängigkeit zwischen den Weichen- und Signalhebeln zu verwenden, der als „Bauart Rüppell, Patent Büssing"  Stellwerksgeschichte schrieb. Der umtriebige Büssing hatte in 30 Jahren 92 Patente im Eisenbahnsignalbauwesen erworben und konnte die Engländer im Stellwerksbau technisch überholen. 1875 führte Büssing die längs laufenden Schubstangen mit Verschlußstücken ein, die im ganzen Stellwerksbau zur Norm werden sollten. Die Hubkurvenantriebsrolle, der auffahrbare Weichenhebel sowie die selbsttätige Drahtbruchsperre sind weitere Erfindungen von Büssing.

1897 wurde mit dem Konkurrenten Siemens ein Interessensvertrag abgeschlossen. Zwei Jahre später baute Jüdel das erste elektromechanische Stellwerk. Jüdel ist aber in diesem Sektor nie groß hervorgetreten. Das Hebelwerk stammte grundsätzlich von Siemens & Halske. 1903 zog sich Heinrich Büssing aus der Firma zurück. Mit seinem Kapital gründete er die „Heinrich Büssing, Spezialfabrik für Motorlastwagen, Motoromnibusse und Motoren" in Braunschweig. Büssing als technikbegeisterter Mensch (heutzutage Freak genannt)  wollte was Neues ausprobieren und setzte nach Stellwerken jetzt auf Nutzfahrzeuge. 

Jüdel konnte sich im Gegensatz zu anderen Eisenbahnsignal-Bauanstalten besser durch den wirtschaftlichen Niedergang im und nach dem Ersten Weltkrieg behaupten. Immerhin kam es erst 1926 zu dem o.a. Zusammenschluß mit der Maschinenfabrik Bruchsal und zwei Jahre später mit Siemens und AEG zu den Vereinigten Eisenbahn-Signalwerke VES.

Firmenschild Juedel 1926

Die Stellwerke von Jüdel waren Vorbild für die Normung des mechanischen Stellwerks zur Einheitsbauform. In Berlin waren Jüdel-Stellwerke stark verbreitet, allein die Potsdamer Stammbahn war beherrscht von Jüdel. Die Abzweigstelle Vdp und das Stellwerk Rs II des Anhalter Güterbahnhofs waren ebenfalls Hebelwerken von Jüdel bestückt. Der Standort wird heute noch von Siemens für die Produktion von Eisenbahnsicherungstechnik genutzt.

 

Vereinigte Eisenbahn-Signalwerke GmbH (VES) - hervorgegegangen aus wirtschaftlichen Zwängen

 

Das VES-Werk 1930. Foto Archiv Berliner Stellwerke.de

 

Der Erste Weltkrieg bereitete der Signalbau-Branche ernsthafte Schwierigkeiten. Die Auftragslage ging zurück. Statt Stellwerke waren Kanonen, Granaten usw gefragt. Nicht jede Signalbaufirma wollte und konnte auf Rüstungsproduktion umstellen. Auch nach dem Ende des Ersten Weltkriegs stellte sich keine Besserung ein. Um wirtschaftlich überleben zu können, schlossen sich einige Firmen zusammen. Siemens, die AEG und Jüdel schlossen sich bereits 1923 zu einer Interessensgemeinschaft zusammen. Das geht aus einem Schreiben an das Berliner Landesfinanzamt vom 17. August 1927 hervor, in dem auch die Gründe für die neue Gesellschaft genannt werden:

 

 

Durch Vertrag vom 31. Januar 1923 haben sich die auf dem Gebiete des Signalbauwesens tätigen Betriebe der obigen Firmen zu einer Interessengemeinschaft zusammengeschlossen, die die Aufgabe hatte, die unbeschränkte und beste Nutzbarmachung aller Betriebsmittel, Patente, Konstruktionen, Erfahrungen und sonstigen Rechte und Beziehungen aller Art der Vertragsfirmen auf dem Gebiete des Signalbauwesens zu ermöglichen. Die bisherige lose Form dieser Interessengemeinschaft hat die angestrebte Rationalisierung der infrage kommenden Betriebe nicht ermöglicht. Es hat sich vielmehr auf Grund der bisherigen Zusammenarbeit und der ausserordentlich ungünstigen Entwicklung, die die Absatzverhältnisse auf dem Gebiete des Eisenbahnsignalwesens in der Nachkriegszeit genommen hat, als notwendig herausgestellt, durch eine straffere Zusammenfassung der Betriebe in einer juristischen Person die erstrebte und unter den heutigen Verhältnissen doppelt notwendige Rationalisierung zu erreichen.

Zu diesem Zwecke beabsichtigen die genannten Firmen, unter Aufhebung des erwähnten Interessengemeinschafts-Vertrags neue vertragliche Vereinbarungen auf dem vorstehend bezeichneten Gebiete zu treffen und den erforderlichen Zusammenschluss in einer neu zu gründenden Gesellschaft mit beschränkter Haftung vorzunehmen. Die Gründung dieser Gesellschaft soll in der Weise erfolgen, dass die genannten Firmen ihre Signalbaubetriebe mit Maschinen, Betriebseinrichtungen, Beständen, Werkzeugen, Geräten usw. in die G.m.b.H, einbringen, während die zu diesen Betrieben gehörenden Grundstücke und Gebäude im Eigentum der einbringenden Stammfirmen verbleiben, aber im Wege der Miete von der G.m.b.H. genutzt werden sollen.

Das Kapital der G.m.b.H. soll zunächst auf den Betrag von RM 9.000.000.-- festgesetzt werden, von dem die drei Gründer paritätisch je RM. 3.000.000.-- übernehmen. Die Einlagen der drei Gesellschafter werden bei der Siemens & Halske A.G, und Max Jüdel in Höhe von je RM, 3.000.000.-- in Sacheinlagen, bei der Allgemeinen Elektrizitäts-Gesellschaft in Sacheinlagen in Höhe von ca. RM 1.600.000.--, sowie in Bareinlagen (Betriebsmittelfonds des Signalbauwerks der A.E.G.) in Höhe von ca. RM 1.400.000-- bestehen, womit das Gesellschaftskapital von RM 9.000.000.-- belegt ist- Da die G.m.b.H. von vornherein ein grösseres Betriebskapital zur Verfügung haben muss, ist beabsichtigt, es nicht bei dem durch die Einlagen belegten Kapital von RM 9.000.000.-- zu belassen, sondern das Kapital gleichzeitig durch weitere von den drei gründenden Gesellschaften paritätisch aufzubringende Bareinlagen in Höhe von je RM 1.000.000.-- auf RM 12.000.000.-- zu erhöhen.


Unter Bezugnahme auf die Bestimmungen des § 9 des Steuermilderungsgesetzes bitten wir ergebenst,

 

1. uns die in diesem Gesetz vorgesehene Ermässigung der der Gesellschaftssteuer von 4 auf 1 % fur das Kapital von RM 9.00.000 -- zuzubilligen,

2. uns die gleiche Vergünstigung für die Erhöhung des Gesellschaftskapitals von RM 9.000.000.-- auf RM 12.000.000.-- zu gewähren.

 

Wir weisen nochmals besonders darauf hin, dass eine Anwendung des Steuermilderungsgesetzes für die Grunderwerbssteuer nicht infrage kommt, weil die zu den Betrieben der Gründerfirmen gehörenden Grundstücke und Gebäude nicht auf die G.m.b.H. übertragen werden, sondern im Eigentum der Stammfirmen verbleiben.

 

Wir möchten noch besonders betonen, dass die Verhandlungen zwischen den zukünftigen Gründern der G.m.b.H. noch nicht soweit gediehen sind, dass alle Einzelheiten der Gründung heute schon feststehen, können jedoch schon heute die Erklärung abgeben, dass sich an der von uns vorstehend geschilderten Situation grundsätzlich  nichts mehr ändern wird.  

Da die G.m.b.H. bereits am 1. Oktober 1927 ins Leben treten soll, bitten wir ergebenst um baldgefällige Entscheidung über unseren Antrag. Zu etwa erforderlichen weiteren Auskünften und Verhandlungen stehen wir jederzeit gern zur Verfügung.[3]

 

 

 

 

In den „Grundzügen zu den Vertragsbedingungen für den Zusammenschluss der Signalbauwerke von S&H, M.J. und A.E.G." sind die Bestimmungen für die neue Firma näher erläutert:

 

 

Die unterzeichnenden Firmen sind übereingekommen für den Zusammenschluß ihrer Eisenbahnsicherungs-Werke einen Vertrag auf folgender Grundlage abzuschliessen:


1. Form der Gesellschaft:  G m b H mit dem Sitz Berlin.


2. Gegenstand der Unternehmung: Herstellung und Vertrieb von Eisenbahnsignalanlagen aller Art und verwandten Einrichtungen sowie
Beteiligung an Unternehmungen auf ähnlichen Gebieten.


3. Kapital und Gewinnverteilung:


Das Kapital soll 12 Millionen Mark betragen. Das Kapital soll zu je V3 von den Stammfirmen aufgebracht werden. Über die vorgesehenen 12 bis zu 15 Millionen erforderliches Kapital ist von den Firmen nach ihrer Gewinnquote zu beschaffen. Im Falle der Liquidation der G.m.b.H. werden zunächst die Kapitalanteile bis zu pari befriedigt, während das Agio nach der Gewinnquote verteilt wird. Für das Kapital wird aus dem Rohgewinn vorweg eine Dividende bis zu 6 % vorgesehen. Ein etwaiger Jahresverlust ist vorzutragen oder quotenmässig zu tragen. Der 6% Dividende überschiessende Betrag des Gewinns ist an die Stammfirmen nach der Gewinnquote zu vergüten als Entgelt für die Ausnutzung der Patente, Erfahrungen, Fabrikations-Verfahren, Verzicht auf die weitere Entwicklung des Gebietes und auf jede mittelbare oder unmittelbare Konkurrenz gegenüber der neuen Firma, ferner für die Benutzung der Grundstücke und Betriebsanlagen.

Die Gewinnquote beträgt für:


M.J. 52,57 %
S. & H. 29,43 %
A.E.G. Go 18,-- %


Neue Patente und sonstige Schutzrechte sind von der G.m.b.H. anzumelden. Laufende Patente und Schutzrechte bleiben bei den Stammfirmen. Die Aufrechterhaltung erfolgt auf Kosten der G.m.b. H. Das Nutzungsrecht der G.m.b.H, auf dem Gebiete des Eisenbahnsicherungswesens umfasst alle Patente und Schutzrechte der Stammfirmen. Ebenso steht den Stammfirmen das Nutzungsrecht an den Schutzrechten der G.m.b.H. zu. Auf andere Schutzrechte der Stammfirmen ist der G.m.b.H, auf Wunsch Lizenz zu erteteilen.


4. Beginn der Gesellschaft: 1. Oktober 1927

Da die volle Inbetriebsetzung der neuen Gesellschaft nicht zum 1. Oktober 1927 möglich ist, sind Uebergangsbestimmungen zu treffen.

5. Name: „ Vereinigte Eisenbahn-Signal-Werke G.m.b.B., Berlin "

Bei den Amtsgerichten der Vertriebsstellen sind, wenn erforderlich, Zweigniederlassungen einzutragen.

...

7. Auseinandersetzung mit den Stammfirmen:

Grundstücke und Gebäude bleiben Eigentum der Firmen und werden der G.m.b.H. zur Verfügung gestellt. Die Firmen sind verpflichtet, der G.m.b.H. die Grundstucke und Gebaude in dem Zustand zur Verfügung zu stellen, der für die Zwecke der Gesellschaft erforderlich ist, nötigenfalls sind Ersatzbauten, Umbauten oder Neubauten im Einvernehmen mit der G.m.b.H. auszuführen. Die Kosten für Neubauten müssen von der G.m.b.H. genehmigt werden. Der Buchwert der Neubauten ist nachzuweisen. Zu den Gebäuden gehören: Fahrstuhl-Anlagen, Heizungs-Anlagen, Stromzuführung für Beleuchtung und Kraft bis zu den Hauptentnahmestellen in den einzelnen Gebäuden bezw.Stockwerken; Umformer und Schaltanlagen gehören zu den Maschinen.

Die G.m.b.H. hat den Stammfirmen neben der allgemeinen Pacht (siehe unter Punkt 3) für Amortisation der Gebäude jährlich
2% vom Anschaffungswert und für Kapitalverzinsung 5 % des Buchwertes zu vergüten. Bei den am 1. Oktober 1927 vorhandenen Gebäuden gilt der Schätzungswert dieses Tages als Anschaffungswert. Zur Feststellung der Anschaffungs- bezw. Buchwerte am
1. Oktober 1927 hat eine Kommission den Wert der Gebäude und damit verbundenen Betriebseinrichtungen, wie Fahrstühle, Heizungs-
Anlagen, abzuschätzen. Von dem Betriebe in Georgsmarienhütte wird nur die Giesserei übernommen, die von dem übrigen Betriebe völlig abzutrennen ist, während die anderen Betriebe bei M. J. verbleiben. Der noch darin befindliche Signalbau ist bis auf die Röllchenfabrikation, die bei der Giesserei bleibt, zu verlegen.

Betriebsmaschinen und Werkzeugmaschinen sind von der G.m.b.H. käuflich zu übernehmen. Der Wert ist ebenfalls durch eine Kommission abzuschätzen unter Berücksichtigung der Einkaufspreise und des heutige Betriebswertes. Die Kommission für Gebäude und Maschinen soll aus je 2 Mitgliedern ( je 1 Techniker und 1 Kaufmann ) aus den Stammfirmen bestehen.


Geräte, Werkzeuge, Arbeitsvorrichtungen, Modelle, die bisher im allgemeinen bereits auf Kosten der G angeschafft worden sind, sollen der G.m.b.H. kostenlos überlassen werden.
...

Sonder~Gesellschaften und Verträge der Stammfirmen:
a) Fiebrandt: Zwischen der G.m.b.H. und Fiebrant soll ein Vertrag geschlossen werden, der den bisherigen Vereinbarungen zwischen S.& H. und M.J. und Fiebrandt entspricht, d.h.die G.m.b.H. stellt Fiebrandt ihre technische Mithilfe gegen eine Abgabe von 5 % des Umsatzes in Polen zur Verfügung. Die G.m.b.H. darf nicht unmittelbar nach Polen liefern, Fiebrandt nicht nach Deutschland. Danzig gilt in diesem Sinne als Polen, solange die Beschaffung für die dortigen Eisenbahnen durch eine polnische Direktion erfolgt.


b) Jn ähnlicher Weise sollen die Vereinbarungen mit Stefan Götz, Wien (AEG-Union, Wien, Wytwornia ) bezüglich Oesterreich und Polen vorgenommen werden.


c) S. & H., Wien: Auch bezüglich S. & H., Wien, soll eine vertragliche Regelung stattfinden, nach der sich die G.m.b.H. verpflichtet, das Verhältnis, das bisher zwischen den Signalabteilungen S.& H., Berlin und Wien besteht, fortzusetzen. (Austausch gegenseitiger Erfahrungen, Patente usw.und Fernbleiben aus den gegenseitigen Arbeitsgebieten.)


d) Signum: Das Verhältnis soll ebenfalls durch einen Vertrag geregelt werden. Da Signum als schweizerische Gesellschaft nach aussen hin unbedingt bestehen bleiben muss, kommt eine Uebernahme des Betriebes, wie bei den Hauptwerken, nicht in Frage...


Übergangsbestimmungen gemäß Punkt 4 der Vertragsgundlage:

 

M. J., Werk Braunschweig:

Soweit für die Torofabrikation, die nach Fertigstellung von noch 44 Pflügen eingestellt werden soll, noch nach dem 1. Qkıober
1927 Arbeiten zu leisten sind, werden diese der Toro  A,G, bezw. M.J. wie einem fremden Kunden in Rechnung gestellt. Dasselbe gilt
für das in Arbeit befindliche neue Modell. Als Unkostenzuschlag zu den Löhnen werden bis auf weiteres 300 % berechnet.

 

M. J., Werk Georgsmarienhütte:


Soweit die Ueberleitung des gesamten Signalbaus bis zum 1. Oktober d.Js. sich nicht durchführen lässt, sollen die für den Signalbau nach dem l. Oktober noch geleisteten Arbeiten der M.J. A.G. mit Lohn und 300 % Unkosten berechnet werden. Der Giesserei-Betrieb und seine Verwaltung sollen von dem übrigen Betriebe in Georgsmarienhütte vollständig getrennt werden. Da die Büroräume nicht in dem von der G.m.b.H. zu übernehmenden, der Giesserei und ihren Nebenbetrieben dienenden Gebäuden untergebracht werden können, soll die G.m.b.H. eine Miete für die Büroräume einschliesslich Heizung und Beleuchtung sowie Reinigung zahlen. Das von der G.m.b.H. zu übernehmende Büroinventar ist als solches zu kennzeichnen. Da der Giessereibetrieb den Gleisanschluss und die Schiebebühne für die Waggons benutzen muss, soll dafür für jeden Waggon eine noch festzusetzende Abgabe bezahlt werden.
Die Wohnhäuser und ihre Unterhaltung werden nicht übernommen. Dagegen verpflichtet sich M.J., den Angestellten und Arbeitern
des Giessereibetriebes und der Vertretungen Wohnungen in der bisherigen Weise zur Verfügung zu stellen.

Die Kantine wird für Rechnung von M.J. geführt. Die G.m.b.H. zahlt einen noch festzusetzenden Zuschuss für jede an ihre Angestellten abgegebene Portion. Soweit die Giesserei Guss für den Motorenbau herstellt, sind dafür von der A.G. Tagespreise zu zahlen.


M. J. Werk Bruchsal:


Soweit noch für die Dfuckpresse Arbeiten nach dem 1. Oktober 1927 zu leisten sind, sind diese der A.G. wie fremden Kunden zu berechnen.

 

S & H. Abtrennung des Signalbaus:


Es wird sich voraussichtlich ermöglichen lassen, das Blockwerk I ganz der G.m.b.H. zur Verfügung zu stellen, Dies kann jedoch nur ganz allmählich geschehen, da Räume für die übrigen Fabrikationen noch nicht genügend vorhanden sind. Die Abtrennung des Signalbaus wird, da die Fabrikationen in den Werkstätten durcheinander laufen, längere Zeit in Anspruch nehmen. Solange die Trennung nicht erfolgt ist, wird S.& H. die Aufteilung der Unkosten nach den bisherigen Grundsätzen vornehmen, aber schon vom 1.0ktober 1927 ab danach streben, möglichst ein Konto nach dem anderen ganz getrennt zu führen An dem Zeitpunkt, an dem die Trennung in der Hauptsache durchgeführt ist, sind die Bestände, um eine Jnventuraufnahme zu vermeiden, nach den bisher im Blockwerk üblichen Grundsätzen zu schätzen und bei der Festsetzung der nach Gesamtleistung aufzuteilenden Konten zu berücksichtigen. Nach der Trennung der Fabrikation ist in Aussicht genommen, dass das gesamte Blockwerk I der G.m.b,H. in der vorgesehenen Weise zur Verfügung steht, dass aber bis auf weiteres, d.h. bis genügend Raum geschaffen ist, ein Teil der Büroräume oder Werkstätten den anderen Fabrikations-Abteilungen zur Verfügung gestellt wird. Um Unkosten-Aufteilungen zu vermeiden, soll die dafür vorgesehene Miete Heizung, Benutzung des Fahrstuhls, Beleuchtung, Bewachung, Reinigung usw. einschliessen.


Da S.& H. mit den durcheinanderlaufenden Fabrikationen in die G. eingetreten ist, fallen die Kosten der Trennung der G,m.b.H. zur
Last.

A.E.G.

Die Fabrik Hennigsdorf wird auch in der Verwaltung völlig von der A.E.G. abgetrennt. Die Büros am Alexander-Ufer werden in die durch die Abtrennung der Fremdfabrikationen freiwerdenden Räume des Blockwerks in Berlin-Siemensstadt verlegt. Soweit vorstehend nicht Bestimmungen getroffen sind, ist die Verlegung bezw. zweckmässige Verteilung der Fabrikationen auf die einzelnen Werke Sache der Geschäftsführer unter Zustimmung der Delegation.

Berlin-Siemensstadt, den 14.10.1927[4]

 

 

 

Die VES existierten bis 1943. In diesem Jahr verließ die AEG aus unbekannten Gründen die VES. Siemens übernahm die Anteile von Jüdel. 1948 löste der Alleininhaber Siemens die VES auf.

Das folgende PDF-Dokument ist ein Artikel aus der Braunschweigischen Landeszeitung vom 30. November 1930. Zum Betrachten rechter Mausklick und (bei Firefox) im Kontextmenü Aktueller Frame - Frame in neuen Tab öffnen anklicken.

 

 

 

Scheidt & Bachmann - stellt noch heute Sicherungstechnik her

1872 gründeten der Kaufmann Friedrich Scheidt und der Ingenieur Carl Bachmann im damaligen München Gladbach eine Maschinenfabrik für Textilmaschinen, Transmissionen und Dampfmaschinen. 1876 wollten Scheidt & Bachmann auch am boomenden Markt für Sicherungstechnik partizipieren und fertigten Stellwerke für die damalige Bergisch-Märkische Eisenbahngesellschaft zu Elberfeld, die auf den Bahnhöfen Boisheim, München Gladbach und Neuß in Betrieb genommen wurden.[] Scheidt & Bachmann gingen bei der Entwicklung der Kraftstellwerke einen eigenen Weg und nahmen 1906 im Bahnhof Düsseldorf-Bilk das erste mit Druckluft gesteuerte Stellwerk in Deutschland Betrieb. Die ausschließliche Druckluftsteuerung erwies sich kurze Zeit später als zu störanfällig, so dass auf eine elektrische Steuerung umgerüstet wurde. Druckluftstellwerke setzten sich in Deutschland aber nicht durch. Scheidt & Bachmann fertigten auch mechanische Einheitsstellwerke. Das 1935 für den Bahnhof Erkner bei Berlin gelieferte Hebelwerk für Stellwerk Erk stammt von Scheidt & Bachmann. Etwa zur gleichen Zeit begann die Firma mit der Produktion von elektrischen Einreihen- und Mehrreihen-Stellwerken. Obwohl die Firma erst sehr spät in diese Sparte einstieg, gab es keine Fahrstraßensignalhebel wie bei der VES. Dagegen hatten die S&B-Stellwerke keine Schmelzsicherungen unter den Weichenhebeln, sondern Sicherungsautomaten.

Firmenschild Scheidt und  Bachmann 1934. Rheydt wurde nach 1945 in Mönchengladbach eingemeindet

Scheidt & Bachmann gehörten zu den wenigen Signalbau-Anstalten, die sich nicht mit anderen Firmen vereinigten mussten, um wirtschaflich zu überleben. Bei Scheidt & Bachmann war die Fertigung von Sicherungstechnik eine Sparte des Portfolios, ab 1932 wurden Tankanlagen gefertigt. 1966 stiegen S&B in die Fertigung von Systemen für Parkhausanlagen ein. Scheidt und Bachmann existieren heute noch in Mönchengladbach und produzieren u.a. Sicherungsanlagen, siehe hier.

Joseph Vögele - heute im Straßenbau tätig

1836 in Mannheim gegründet, zeigte die Firma Weitsicht und stellte ihre Produktion auf die emporkommende Eisenbahn ein. Bereits 1840 lieferte Vögele die Weichen für die erste badische Eisenbahnlinie Mannheim-Heidelberg. Nach 1870 stieg Vögele neben Drehscheiben, Schiebebühnen auch in den Bau von Stellwerken ein, die bevorzugt in Bayern und Baden Württemberg zum Einsatz kamen. 1942 waren 115 Stellwerke bei der Deutschen Reichsbahn in Betrieb. Noch 1932 lieferte Vögele Stellwerke eigener Bauart für den Bahnhof Gräfendorf. Nach 1920 stieg die Firma in den Straßenbau ein, der noch heute ihre Existenz in Ludwigshafen sichert, siehe die Webseite der Firma. Übrigens, die Drehscheiben des Bw Berlin Anhalter Bahnhof stammen von Vögele.

Carl Fiebrandt, Bromberg - heute in der Rüstung tätig

 

1868 gründete Carl Fiebrandt in Bromberg, dem heutigen Bydgoszcz, eine Schlosserei. Anfangs wurden Landmaschinen repariert. Später stieg Fiebrandt in den lukrativen Markt für Sicherungsanlagen ein und produzierte vorwiegend für den schlesischen Raum Stellwerke. Der Weichenhebel von Fiebrandt war Vorlage für den Weichenhebel des Einheitsstellwerks. 1939 wurde Fiebrandt ein Teil der VES. 1948 wurde die Firma zu einem Staatsunternehmen der Volksrepublik Polen und wurde in Bromberger Elektromechanische Betriebe (BELMA S.A.) umbenannt und stellte neben Eisenbahnsicherungstechnik auch explosionssichere Geräte für den Bergbau her. Ab 1954 stellte BELMA vorwiegend Rüstungsgüter für die Polnische Armee her. Das Unternehmen, das seit 1994 wieder privatisiert ist, stellt noch heute Produkte für den Bergbau und dem Militär her, siehe auch die Webseite der Firma.

 

Carl Stahmer AG, Georgsmarienhütte - federführend bei Druckluftstellwerken

 

Die Fabrik in Georgsmarienhütte im Jahre 1911. Archiv Berliner Stellwerke.de 

Anzeige von Stahmer. Sammlung Lars MolzbergerCarl Stahmer war Ingenieur bei der Eisengießerei Georgsmarienhütte und gründete 1862 seine Firma als Zulieferer für seinen alten Arbeitgeber. Neben Bergbaubedarf stellte Stahmer auch Schmalspubahn-Fahrzeuge her. 1874 baute Stahmer Schrankenanlagen. Ab 1880 begann Stahmer mit der Produktion von Stellwerken. Stahmer war federführend in der Entwicklung der Elektro-pneumatischen Stellwerke, also Stellwerke mit elektrischer Steuerung, das Umstellen einer Weiche erfolgt per Druckluft. 1902 ging in Cottbus ein Stellwerk dieser Bauart von Stahmer in Betrieb. 1909 erwarb Stahmer die Besitzmehrheit an der Firma Zimmermann & Buchloh aus Borsigwalde. Unklar ist, ob Stahmer weiterhin seine eigene Bauform produzierte oder auf die Bauform der renommierten Firma Zimmermann & Buchloh (ZuB) setzte. Zimmermann & Buchloh Stellwerke wurden weiterhin produziert, z.B. für das Stellwerk Abm auf dem Anhalter Bahnhof, das noch 1923 ein Hebelwerk der Bauform ZuB erhielt.

1917 gründete Stahmer zusammen mit der Maschinenfabrik Bruchsal die Deutschen Eisenbahn-Signalwerke, um in wirtschaftlich schwierigen Zeiten überleben zu können. 1926 vereinigten sich die Deutschen Eisenbahn-Signalwerke mit Jüdel zu den Eisenbahn-Signalbau-Anstalten Max Jüdel, Stahmer, Bruchsal  AG. Spätestens mit der Gründung der VES dürfte die Produktion in Georgsmarienhütte eingestellt worden sein.

Carl Lorenz AG - größter Konkurrent von Siemens bei Gleisbild- /Spurplanstellwerken 

 

1880 gründete Carl Lorenz im heutigen Berlin-Tempelhof eine Telegraphenbauanstalt. Lorenz stellte für die Eisenbahn-Gesellschaften Morseapparate und Streckenläutwerke her. Lorenz warb in einigen Ausgaben der Zeitschrift „Das Stellwerk" 1907 mit der Herstellung von Stellwerken. Mir ist aber kein Stellwerk bekannt, das in dieser Zeit von Lorenz gebaut wurde. Deshalb wird Lorenz auch nicht unter den Berliner Eisenbahnsignal-Bauanstalten geführt. Die große Zeit im Stellwerksbau beginnt für Lorenz erst nach dem Zweiten Weltkrieg. 1948 zog die Firma aus der Berlin-Blockade die Konsequenzen und verlagerte ihren Sitz nach Stuttgart. Am 01.04.1949 wechselte der Ingenieur Wilhelm Schmitz, der vorher bei der VES tätig war, zu Lorenz und trieb die Entwicklung von Gleisbildstellwerken voran. Lorenz entwickelte sich zum größten Konkurrenten von Siemens auf dem Gebiet der Gleisbild- / Spurplanstellwerken. Anfang 1951 wurde in Butzweiler das erste Gleisbildstellwerk  von Lorenz in Betrieb genommen, das erste Spurplanstellwerk wurde am 06. Mai 1956 in Dillingen/Saar in Betrieb genommen, rund sechs Monate vor dem ersten Spurplanstellwerk von Siemens in Kreiensen (19. November 1956).

1958 vereinigte sich Lorenz mit der Standard Elektrik AG zur Standard Elektrik Lorenz AG (SEL). 1988 kaufte Alcatel SEL auf. 2006 übernahm Thales Actatel SEL. Alcatel bzw. Thales stellen neben Siemens Elektronische Stellwerke für die DB AG her.

Weitere Eisenbahnsignal-Bauanstalten, die größtenteils in Lizenz Sicherungstechnik produzierten

August Harwig, Köslin (heute Koszalin), produzierte eine wenig verbreitete Bauart, bis die AEG Harwig 1903 aufkaufte. Danach gründete Harwig in Gera ein neues Werk, das Stellwerke in Lizenz von Zimmermann & Buchloh herstellte. Wann Harwig seine Produktion einstellte, war noch nicht zu ermitteln.

Johann Wilhelm Spaeth, Nürnberg-Dutzendteich: 1820 gegründet, produzierte Teile für die Damplok Adler, die auf der ersten Eisenbahn Nürnberg-Fürth zum Einsatz kommen sollte und baute sie auch zusammen. Seit 1893 stellte Spaeth Stellwerke eigener Bauart für die bayerische Ostbahn her. Später wurden ebenfalls Zimmermann & Buchloh Stellwerke in Lizenz gefertigt. Die Firma muss spätestens 1935 nicht mehr existiert haben, da der "Zweckverband Reichsparteitag Nürnberg" das Firmengelände weit unter Wert kaufte. In Hersbruck waren Stellwerke von Spaeth noch bis 1999 in Betrieb.

 

Ernst Willmann, Dortmund: Die 1868 gegründete Firma produzierte in erster Linie Dampfkessel. Willmann wollte auch an der boomenden Sicherungstechnik partizipieren und baute (ab wann leider unbekannt) Stellwerke eigener Bauart. 1919 trat Willmann den Deutschen-Eisenbahn-Signalwerken bei. Spätestens bei der Gründung der VES wurde die Produktion von Stellwerken eingestellt. Stellwerke von Willmann kamen neben Dortmund vor allem in oberhessischen Bereich zum Einsatz. Das Stellwerk in Nidda ist noch in Betrieb.

Georg Noell, Würzburg: Das 1824 gegründete Unternehmen stieg über Wagenreparturen für die Thurn und Taxische Postadministration in den Eisenbahnfahrzeugbau ein. Ab 1881 konzentrierte sich Noell auf Eisenbahnbedarf und Brückenbau. Noell stellte Jüdel-Stellwerke in Lizenz her. Bis Anfang 2012 exisitierte in Harsdorf ein Stellwerk von Noell. Das Unternehmen stellt nach mehreren Umstrukturieungen heute als NKMNOELL u.a. Krane her.

Müller & May, Görlitz-Rauschwalde: 1890 gründeten der Kaufmann Fritz Müller und der Ingenieur Christian May ihre Firma zur Produktion von Eisenbahnsicherungstechnik. Sie produzierten Stellwerke eigener Bauart, deren Verbreitung auf den Raum Oberschlesien beschränkt war. 1922 wurde die Produktion in Görlitz-Rauschwalde aufgegeben. Die Firma wurde von den Deutschen Eisenbahnsignalwerken übernommen und die Produktion zu den Stammsitz der jeweiligen Firma verlegt. Das wohl letzte Stellwerk der Bauform Müller & May - Görlitz B6 - ging 2000 außer Betrieb.

 

Anzeige der Kraus Maffei AG von 1935. Foto Archiv Berliner-Stellwerke.de

 

Krauss & Cie, München: 1866 gründete Georg Krauss seine Lokomotivfabrik. Krauss stellte in Lizenz Stellwerke der Bauform Bruchsal her. Das vermutlich älteste Stellwerk in Bayern, München Laim 1, stammt von Krauss & Cie. Es war bis Dezember 2008 in Betrieb.

1931 fusionierte Krauss mit der bankrotten Konkurrentin Maffei zur Krauss-Maffei AG. Kraus-Maffei stellte übrigens die bei vielen Lokfreunden beliebte Diesellok V200 her. Kraus-Maffei existiert noch heute, die Lokbausparte gehört allerdings seit 2001 zu Siemens.

 

 

Berliner Eisenbahnsignal-Bauanstalten

 

Zimmermann & Buchloh - Qualität aus Borsigwalde 

 

Die Fabrik ca. 1907. Foto: Archiv Berliner Stellwerke.de

 

Zwei Angestellte der Berlin-Hamburger-Eisenbahn, Eduard Zimmermann und Ernst Buchloh, gründeten 1878 ihre Firma. Sie hatten anfangs kein Personal und keine eigene Werkstatt. Ihren Arbeitgeber verdankten die beiden Firmengründer auch den Einstieg in den Stellwerksbau. Die Berlin-Hamburger-Eisenbahn unterstützte Eduard Zimmermann bei seinen Erfindungen. 1880 durften die beiden Jungunternehmer Stellwerke nach ihren Patenten auf dem Bahnhof Hagenow-Land errichten. Die Berlin-Hamburger-Eisenbahn war mit den Stellwerken so zufrieden, dass sie weitere Stellwerke in Auftrag gab, so z.B. für den Bahnhof Ruhleben. Weil noch immer eine eigene Werkstatt fehlte, half die Maschinenfabrik Wöhlert aus.[5] 1881 konnte die Firma in der Fehrbelliner Straße ihre eigenen Werkstätten beziehen. 1905 reichte der Platz in der expandierenden Hauptstadt nicht mehr aus, die Firma erwarb von der Borsigwalder Terraingesellschaft ein 30000 qm großes Grundstück in Borsigwalde an der heutigen Holzhauser Straße 72. 1908 beschäftigte die Firma etwa 550 Mitarbeiter.[6] Hier produzierte die Firma bis 1909. Danach wurde die Produktion nach Georgsmarienhütte verlegt, weil die Eisenbahn-Signalbau-Anstalt E. Stahmer die Besitzmehrheit von Zimmermann & Buchloh übernommen hatte.

 

 

Ein erfolgreicher Ingenieur, der der Firma so manche Erfindung in der Eisenbahnsicherungstechnik bescherte, war der seit 1886 bei Zimmermann & Buchloh tätige Paul Nipkow (1860 bis 1940). Nipkow erfand das elektrische Teleskop, das später als „Nipkow-Scheibe“ bei der Entwicklung des Fernsehübertragung benutzt wurde.[7]

1917 ging Zimmermann & Buchloh mit E. Stahmer und der Maschinenfabrik Bruchsal in die Deutschen Eisenbahn-Signalwerke auf.[8] Dieser Zusammenschluss war wegen der kriegsbedingten wirtschaftlichen Rezession notwendig, um überleben zu können. Dieser Zusammenschluss wurde 1926 von Jüdel übernommen. Die Firma Jüdel ging wiederum 1928 in die VES (Vereinigten Eisenbahn-Signalwerke) auf. Die Werkshallen sind nicht mehr vorhanden, nur das Wohnhaus Holzhauser Straße 72 steht heute noch.

In Berlin wurden Zimmermann & Buchloh-Stellwerke vorwiegend auf dem Anhalter Bahnhof und dem Rangierbahnhof Tempelhof Rbf errichtet (z.B. Stellwerk Abm, Tpa und Tfd).[9]

 

 

Hein, Lehmann & Co. - baute den Berliner Funkturm

 

 

Die Fabrik von der Flottenstraße aus gesehen ca. 1913. Archiv Berliner Stellwerke.de

 

Die zweite Eisenbahn-Signalbau-Anstalt auf heutigem Reinickendorfer Gebiet ist die 1877 gegründete Fa. Hein, Lehmann & Co. Ihren ursprünglichen Sitz hatte sie in der Chausseestraße 113.[10] Die Firma fing mit der Verarbeitung von Wellblech an und erweiterte kurze Zeit später die Produktion auf Eisenkonstruktionen. 1885 wollte die Firma auch am florierendem Eisenbahn-Signalbau partizipieren und gründete die Abteilung III für den Eisenbahn-Signalbau. Der Einstieg in den Eisenbahn-Signalbau gelang ihr nach eigener Darstellung recht erfolgreich durch „sinnreich konstruierte Neuheiten“.[11 Immerhin stieg Hein-Lehmann sehr spät in diese Sparte ein, während andere Hersteller teils schon seit 1870 Stellwerke bauten. Um ihre verfügbaren Geldmittel zu erhöhen, erfolgte am 28. Dezember 1888 die Umwandlung in eine Aktiengesellschaft.[12] 1889 wurde der Eisenkonstruktionsbau nach Düsseldorf-Oberbilk verlagert, der Eisenbahn-Signalbau blieb in der Chausseestraße. Ähnlich wie anderen Firmen im heutigen Berlin-Mitte wurde der Platz auch für Hein-Lehmann zu eng. 1897 fand man an der heutigen Flottenstraße ein günstiges Gelände. Dort befand sich bis 1935 die Eisenbahn-Signalbau-Abteilung von Hein-Lehmann. Mitte 1935 wurde der Eisenbahn-Signalbau nach Düsseldorf-Oberbilk verlagert.[13]

Hein-Lehmann hat 1948 noch ein Stellwerk der Einheitsbauform mit der Nr. 233 nach Altenkirchen/WW geliefert.   Eine letzte Anzeige in der Zeitschrift Signal & Draht erschien Juni 1951. Danach trat die Firma im Sicherungswesen nicht mehr in Erscheinung. Hein-Lehmann hat grundsätzlich nur mechanische Sicherungsanlagen gebaut und sich nicht mit anderen Eisenbahnsignalbau-Anstalten zusammengeschlossen. Die Zeit der mechanischen Stellwerke war nach 1945 vorbei. Das bekannteste Bauwerk der Firma aus der Sparte Eisenkonstruktion ist der 1928 gebaute Berliner Funkturm. Die Firma existiert heute noch in Krefeld. Sie stellt u.a. Siebdruckmaschinen her.

Ein besonderes Merkmal von Hein-Lehmann-Stellwerken sind die fast vertikal angeordneten Fahrstraßenhebel, die sonst nur noch bei Jüdel-Stellwerken in Sachsen vorkommen. Hein-Lehmann lieferte für den zweigleisigen Ausbau der Kremmener Bahn 1905 die Stellwerke für den Bahnhof Berlin-Tegel. Auf dem Gebiet der heutigen Bundesrepublik Deutschland ist kein Hein-Lehmann-Stellwerk mehr in Betrieb. In Polen sind noch einige Stellwerke von Hein-Lehmann in Betrieb, beispielsweise im polnischen Dampflok-Mekka Wolzstyn (Wollstein).

 

Der Innenhof der Fa. Hein, Lehmann & Co ca 1913. Archiv Berliner Stellwerke.de

 Das ehemalige Verwaltungsgebäude von Hein Lehmann und Co heute. 14. April 2012. Foto: Lars Molzberger

 

Julius Gast KG - Sicherungstechnik aus Berlin-Lichtenberg

 

Das Fabrikgebäude der Firma Julius Gast 1935. Foto Museum im Stadthaus Lichtenberg

Die Firma J. Gast KG wurde 1846 von Julius Gast mit Sitz in der Greifswalder Straße 55 als Werkzeugmaschinenfabrik gegründet. Sie produzierte vorwiegend Drehbänke.[14] 1878 stieg Julius Gast in den boomenden Stellwerksbau ein. 1908 wurde der Firmensitz nach Lichtenberg in die Siegfriedstraße 200-204 verlegt. Auch Gast gehörte zu den Herstellern, die ausschließlich mechanische Sicherungsanlagen produzierten. Die Auftragslage war so gut, dass die Weltwirtschaftskrise nach 1929 der Firma nichts anhaben konnten. [15] Laut einer Anzeige der Firma belieferte sie die Deutsche Reichsbahn auf den Strecken Berlin-Hannover, Berlin-Schneidemühl, Berlin-Cottbus und Berlin-Breslau.[16] Ab ca. 1936 wurde Gast in die Rüstungsproduktion des Dritten Reiches eingebunden. Gast fertigte u.a. Pakkästen für Munition und übernahm Montageleistungen für die Organisation Todt.[17] Diese erhöhten Leistungen wurden im Zweiten Weltkrieg durch Zwangsarbeiter erbracht.

1945 demontierten die Sowjets den Betrieb. Die Fabrikation beschränkte sich nun auf Massengebrauchsgüter wie Spaten, Eimer und sogar Särge.[18] Am 27.06.1946 wurde der beschlagnahmte Betrieb wieder an die Familie Gast zurückgegeben. Durch den Tod des Inhabers Fritz Gast 1946 gelang es nicht mehr, den Betrieb liquide zu halten. 1959 verlässt die letzte Inhaberin Edith Gast die DDR. Der Betrieb wird unter Treuhandverwaltung gestellt und meldet am 01.01.1960 Konkurs an. Der VEB WSSB kaufte die Konkursmasse auf. Nachdem Siemens 1991 WSSB übernahm, stand der Gebäudekomplex der ehemaligen Fa Gast jahrelang leer. Heute befinden sich in den Gebäuden ein Dienstleistungszentrum, die Siegfriedshöfe.

Julius Gast produzierte einheitsähnliche Stellwerke und ab 1924 die vorgeschriebenen Einheitsstellwerke sowie Signale und Schrankenanlagen. Signale von Gast standen um 1900 herum auf dem Anhalter Bahnhof Nähe Abm. Die Fa. Julius Gast bekam ab 1884 Konkurrenz aus den eigenen Reihen. Zwei Angehörige der Fa. Julius Gast – die Ingenieure Friedrich Paul Weinitschke und ein Herr Söllich – gründeten die Firma

 

 

 

 

 

 

 

Söllich und Weinitschke - direkte Konkurrenz zu J. Gast

 

Das ehemalige Fabrikationsgebäude von Weinitschke 1994. Heute abgerissen. Foto Museum im Stadthaus Lichtenberg

 

Auch diese beiden Ingenieure witterten durch die Zeitumstände das große Geschäft mit der Sicherungstechnik. Ihren Firmensitz hatte die Firma von der Gründung bis zur Auflösung 1949 ununterbrochen in der Rittergutstraße 128 (heute Josef-Orlopp-Straße) in Berlin-Lichtenberg, also in unmittelbarer Nähe zur J. Gast KG.

Leider war durch die geringe Kapitaleinlage der Firma keine größere Produktionsausweitung möglich. So dürfte bis zum Jahre 1914 die jährliche Fertigung von 8 Stellwerken nicht überschritten worden sein.[19] 1904 schied Herr Söllich aus dem Betrieb aus und eine Familie Frank wurde als Kapitalgeber aufgenommen. Die Firma wurde eine GmbH unter dem Namen F. P. Weinitschke GmbH. Dadurch konnten die Produktionsanlagen ausgebaut und der Betrieb wirtschaftlich stabilisiert werden. Die Firma konnte die Krise nach dem Ersten Weltkrieg ohne Zusammenschluss mit anderen Signalbau-Firmen überstehen. Ein Grund dafür war die Beschränkung auf den Bau von mechanischen Stellwerken. 1926 war F.P. Weinitschke eine von 10 Firmen, die die Deutsche Reichsbahn belieferten.[20] 1936 übernahm Weinitschke wie Gast Rüstungsaufträge. Weinitschke produzierte u.a. Tankgrubenabdeckungen für Flugplätze, Einsteckläufe für PAK und Maschinengewehre sowie Einzelteile für die sog. „Vergeltungswaffe 2“ oder „V2“.[21]

 

1945 wurde der Betrieb gem. Befehl Nr. 124 der Sowjetischen Besatzungsmacht beschlagnahmt und unter Treuhand gestellt. Im Gegensatz zur J. Gast KG wurde der Betrieb nicht an die Eigentümer zurückgegeben sondern am 19.05.1949 als VEB F. Paul Weinitschke in Staatshand überführt. Am 01.07.1953 wurde der Betrieb mit dem VEB WSSB zusammengelegt.[22] Stellwerke der Bauart Weinitschke sind in der heutigen Bundesrepublik Deutschland nicht mehr in Betrieb. Ein Einheitsstellwerk, das 1935 von Weinitschke gebaut wurde, ist noch heute auf dem Bahnhof Berlin-Schönholz als Schönholz Nordturm (Snt) in Betrieb. 1952 lieferte Weinitschke mechanische Stellwerke für den Berliner Außenring[23]

 

Mit dem Portrait der Firma Weinitschke endet die Beschreibung aller Signalbau-Firmen, die nur mechanische Sicherungsanlagen herstellten. Die nun folgenden Firmen stellten neben mechanischen Sicherungsanlagen auch oder ausschließlich elektrische Sicherungsanlagen her. Beginnen wir mit der bedeutendsten Firma mit Weltruf, nämlich

 

Siemens & Halske - produzierte das erfolgreichste Kraftstellwerk

 

Das Siemenswerk in Siemensstadt 1916. Archiv Berliner-Stellwerke.de

 

1847 gründeten Werner Siemens und Johann Georg Halske die „Telegraphenbauanstalt von Siemens & Halske“. Innerhalb weniger Jahrzehnte wuchs das Unternehmen von einer kleinen Werkstatt zu einem weltweit größten Elektrounternehmen. Neben Telegraphen lieferte Siemens Läutewerke an die Eisenbahnverwaltungen. Um 1870 baute Siemens & Halske mechanische Stellwerke, deren Bauform bis ca. 1910 unverändert blieben und von den Stellwerken anderer Firmen erheblich abwich. Siemens & Halske konzentrierten sich als Elektrounternehmen vorrangig auf die Entwicklung von elektrischen Stellwerken, auch Kraftstellwerke genannt. 1870 gelang den Ingenieur Carl Frischen die herausragendste Erfindung im Eisenbahn-Sicherungswesen: den elektrischen Block. Die Bezeichnung leitet sich vom Englischen „to block“, das soviel wie sperren heißt. Durch das Blocksystem war gewährleistet, dass sich nur ein Zug in einem bestimmten Streckenabschnitt befinden kann.

 

 

Das Siemens-Blockwerk von Osten im Jahre 1908. Foto Archiv Berliner-Stellwerke.de

 

 

Blick ins Blockwerk 1908. In dieser Abteilung werden Blockwerke hergestellt. Foto Archiv Berliner-Stellwerke.de

 

1894 nahm Siemens Wien das erste elektrische Stellwerk in Prerau/Mähren in Betrieb. Das erste elektrische Stellwerk auf damals reichsdeutschen Gebiet wurde mit einer ähnlichen Bauart wie in Prerau 1896 im heutigen Berliner Westend in Betrieb genommen. Danach nahm die Entwicklung ihren raschen Lauf. Innerhalb von sechzehn Jahren folgten drei weitere Bauformen der elektrischen Stellwerke, die als Bauform 1901, 1907 und 1912 bekannt sind. Mit der Bauform 1912 war das sogenannte Einheihenhebelwerk ausgereift. Es wurde das am meisten verbaute Hebelwerk von Siemens (VES). 1942 waren 792 Hebelwerke der Bauform 1912 bei der DR in Betrieb. In den 1930er Jahren wurden unter dem Namen VES Mehrreihenhebelwerke hergestellt. Ein Vorläufer der späteren Siemens-Gleisbildstellwerke wurde 1944 entwickelt und sollte auf dem Bahnhof Birkenwerker in Betrieb genommen werden. Ob dies jemals geschah, konnte bisher nicht belegt werden.
 

Die Produktion der Block- und Hebelwerke erfolgte ab 1906 im Blockwerk I in Siemensstadt. 1944 wurde das Blockwerk durch Bomben zerstört. Die Signalbau-Abteilung von Siemens gehörte seit dem 12. Januar 1928 mit der AEG und Jüdel zu den Vereinigten Eisenbahn-Signalbauwerken (VES). Die Gründung erfolgte aus wirtschaftlichen Gründen. 1943 stieg die AEG aus der VES aus, Siemens schluckte die Anteile von Jüdel. Somit hatte Siemens auch die Braunschweiger Produktionsstätten von Jüdel, in die 1948 die komplette Produktion verlagert wurde. Der Brauschweiger Standort existiert bis heute. Siemens ist unter den hier vorgestellten Signalbau-Anstalten die Einzige, die heute noch Stellwerke produziert. Siemens-Stellwerke waren (und sind) bei der Deutschen Reichs- und Bundesbahn sehr verbreitet. Hier drei Beispiele: Stellwerk Wilhelmsruh Wm mechanische Bauart, Stellwerk Bahnhof Berlin-Halensee Hal elektromechanisch Bauart 1901, Stellwerk Wot Bahnhof Berlin-Wannsee Bauart 1907 und Stellwerk Ws ebenfalls Wannsee Bauart 1912.

Die nächste hier vorgestellte Firma ist die große Konkurrentin von Siemens, nämlich die

 

Allgemeine Elektrizitäts-Gesellschaft (AEG) - kaufte sich das Know How des Stellwerksbau

 

 

 

Die 1887 gegründete AEG ging aus der Deutschen-Edison-Gesellschaft hervor, die Patente aus Thomas Alva Edisons Glühlampen-Erfindungen erwarb und in Deutschland vertrieb.
Anzeige der AEG von 1907. Sammlung Lars MolzbergerNach und nach erstreckte sich die Tätigkeit der Gesellschaft auf allen Gebieten der Starkstromtechnik. Darunter fielen auch die Versuche mit elektrischen Triebwagen. Ein AEG-Versuchstriebwagen erreichte am 27. Oktober 1903 auf der Militärbahn Berlin-Zossen bei Marienfelde die Rekordgeschwindigkeit von 210,2 km/h. Nach eigener Darstellung wollte die AEG wegen ihrer Beteiligung an Verkehrsprojekten auch am Eisenbahn-Sicherungswesen teilhaben.[24] Dazu kaufte sich die AEG das notwendige Knowhow ein. Sie kaufte 1903 die Eisenbahn-Signalbau-Anstalten A. Harwig aus Köslin und W. Fiedler aus Dresden und baute deren mechanische Stellwerke.[25] 1905 folgte die AEG Siemens mit dem Bau von elektrischen Stellwerken. Die AEG stellte im Gegensatz zu Siemens nur eine Bauart von elektromechanischen Stellwerken her. Die Bedienung lehnte sich an den mechanischen Stellwerken an, d.h. es gab keinen Fahrstraßensignalhebel wie bei Siemens. Andererseits war die AEG führend in der Entwicklung von Ablaufstellwerken, die den späteren Gleisbildstellwerken ähnelten. 1925 wurde das erste Ablauf-Tischhebelwerk in Hamm/Westf Vbf in Betrieb genommen. Weil die Deutsche Reichsbahn Bedenken wegen der Betriebssicherheit hatte (u.a. Fremdstromeinfluss auf die elektrischen Verschlüsse) setzten sich diese Stellwerke nicht sofort durch und blieben auf Rangierbahnhöfe beschränkt.[26]
 

1928 schloss sich die AEG aus wirtschaftlichen Gründen mit Siemens und Jüdel zu den Vereinigten-Eisenbahn-Signalwerken (VES) zusammen aus der sie 1943 wieder ausstieg. Erst 1983 beteiligte sich die AEG an der Entwicklung von elektronischen Stellwerken für die Deutsche Bundesbahn. Elektromechanische Stellwerke der AEG Berlin wurden auf den 1928 eröffneten Messebahnhof in den Stellwerken Mst und Msb sowie auf dem Bahnhof Hennigsdorf bei Berlin verbaut.

 

Orenstein & Koppel - stellte neben der VES Sv-Signaltechnik für die Berliner S-Bahn her

 

Das Werk Drewitz von Orenstein & Koppel. Hier wurde die Sicherungstechnik produziert- Foto Archiv berliner-stellwerke.de

 

Das 1876 gegründete Unternehmen baute in Schlachtensee (damals bei Berlin) Loren und Ausstattungen für Feldbahnen, seit 1892 auch Feldbahnlokomotiven. Später wurden an verschiedenen Standorten Eisenbahnfahrzeuge und Baumaschinen produziert. Deswegen ist es verwunderlich, dass dieses Unternehmen 1924 in den Bau von Sicherungsanlagen einstieg. Das O&K-Stellwerk ähnelte sehr im Aufbau und Aussehen den AEG-Stellwerken. 1937 gingen O&K zum Bau Zweireihenstellwerken über. Teile der SV-Signalanlagen der Berliner S-Bahn auf der Wannseebahn stammen von O&K und nicht von den VES. Auf dem Betriebsbahnhof Schöneberg wurde 1933 ein O&K-Hebelwerk im Stellwerk Sgr in Betrieb genommen.

 

O&K fiel als jüdisches Unternehmen der sogenannten „Arisierung“ im Dritten Reich zum Opfer. Unter Treuhandverwaltung gestellt wurde O&K 1940 zur Maschinenbau und Bahnbedarf AG. Die „Zeitschrift für das gesamte Eisenbahn-Sicherungs- und Fernmeldewesen schreibt in der Ausgabe vom 1. Februar 1940: Die Firma Orenstein 8 Koppel Aktiengesellschaft, Berlin, ist ab Januar 1940 umbenannt in: Maschinenbau und Bahnbedarf A.G. vormals Orenstein & Koppel. Fabrikationsprogramm und Verkaufsorganisation bleiben unverändert erhalten."[27] Keine zwei Jahre später kaufte die Firma Jullius Pintsch die MBA. In der vorgenannten Zeitschrift steht dazu folgendes:

 

 

 

Eisenbahn-Signalbau  MBA;  Übergang an Julius Pintsch KG

 

Am  1. Oktober 1941 ist der Gesamtbetrieb der Abteilung Signalbau der Maschinenbau und Bahnbedarf A.G. vorm. Orenstein & Koppel (MBA) in den Besitz von Julius Pintsch KG übergegangen. An das Werk Pintsch gehen damit gleichzeitig alle Rechte an den der MBA von der Reichsbahn zugelassenen Bauformen und Schaltungen sowie alle den Signalbau betreffenden Schutzrechte über. Der gesamte V e r t r i e b der Abteilung Signalbau  einschl. der Aufträge und ihrer Abrechnung, wird ab 1. Januar 1942 von Pintsch übernommen. Die bis  zu diesem Zeitpunkt bei MBA vorliegenden Aufträge werdet noch von MBA abgerechnet. Die F e r t i g u n g dagegen wird erst allmählich in die Werkstätten von Pintsch übergeführt werden. Bei Überleitung der Fertigung von der MBA auf Pintsch ist gemäß Verfügung des RVM 60 Sa 212 vom 16. Oktober 1941 auch bei diesem Werk die verantwortliche allgemeine Überwachung und Prüfung der Arbeiten und herzustellender  Teile für mechanische und elektrische Stellwerke auszuführen.[28]

 

 

 

 

Damit kommen wir zur nächsten Firma, die mit dem Know How von O&K das Gleisbildstellwerk K44 entwickelte:

 

 

Julius-Pintsch-AG - übernahm das Know How von Orenstein & Koppel

 

Das Verwaltungsgebäude der Fa. Pintsch am Schlesischen Bahnhof in Berlin 1911. Archiv Berliner Stellwerke.de

 

Das 1843 in Berlin-Friedrichshain gegründete Unternehmen profitierte von der aufkommenden Gasversorgung in Berlin und konnte sich durch Herstellung von Gasmessern einen Namen machen. Seit 1863 produzierte Pintsch in der Andreasstraße 73 Gasbeleuchtung und Dampfheizungen für Eisenahnenfahrzeuge. Bekannt wurde das Unternehmen auch in der Seefahrt durch gasbeleuchtete Bojen, die sog „Pintsch-Bojen“. Das 1872 gegründete Zweigwerk in Fürstenwalde produzierte ab 1890 auch Glühlampen. Des Weiteren stellte Pintsch selbsttätige Warnanlagen für Wegübergänge her.

 

 

Pintsch kaufte nun 1942 Signalbau-Abteilung der ehemaligen O&K und entwickelte ein Gleisbildstellwerk, das den späteren Siemens-Gleisbildstellwerken sehr ähnlich war. Die Vorentwicklung dieses Stellwerks begann jedoch bei O&K. Nachdem jedoch der die Entwicklung vorantreibende Ingenieur 1939 zu Pintsch wechselte, konnte Pintsch ohne eigenen Entwicklungsaufwand die Kenntnisse nutzen und in dieser kurzen Zeit des Stellwerk bauen. Dieses K44 genannte Stellwerk sollte in Berlin-Hermsdorf aufgestellt werden. Ob dies jemals geschah, ist ungeklärt. Das Stellwerk Hf wurde gegen Kriegende durch Bombardierung zerstört.

 

 

Die Firma Pintsch wurde nach 1945 ein Werksteil des VEB Gaselan, der ab 1950 für die DR die vormaligen Zweireihenstellwerke von Pintsch produzierte. 1946 wurde die Julius Pintsch West KG in Frankfurt/Main gegründet. Seit 1970 als Pintsch-BAMAG firmierend produziert die Firma heute immer noch Warnanlagen für den Schienenverkehr.

 

 

Werk für Signal- und Sicherungstechnik Berlin (WSSB) - Sicherungstechnik aus der DDR

 

Der spätere Sitz des VEB WSSB gehörte zur Lampenfabrik Erich&Graetz. Ansicht um 1900. Archiv Berliner-Stellwerke.de

 

Das letzte hier vorgestellte Unternehmen ist der deutschen Nachkriegsgeschichte geschuldet. Die Teilung in zwei deutschen Staaten stellte die Deutsche Reichsbahn der DDR vor ein Problem: Woher die dringend benötigte Sicherungstechnik beschaffen, die durch Zerstörung und Reparation in Verlust geraten ist? Die VES in Berlin-Siemensstadt lieferten der Sowjetzone noch bis 1948 im beschränkten Umfang Ersatzteile. Danach wurden aus politischen Gründen die Lieferungen eingestellt.[29]

 

 

Um den enormen Bedarf an Sicherungsanlagen zu decken, wurden 1951/1952 mehrerer Volkseigener Betriebe wie VEB Gaselan, VEB Funkwerk Köpenick, VEB Weinitschke, VEB Elektro-Signal- und Maschinenbau (Elsima) aus Halle sowie die Firma Signalbau-Potsdam-Babelsberg zum VEB Signalbau-Berlin zusammengelegt. Die VEB Signalbau-Berlin wurde wiederum am 01. Juli 1953 mit dem VEB Fernmeldewerk Treptow zum Werk für Signal- und Sicherungstechnik Berlin (WSSB) zusammengelegt. Das VEB Fernmeldewerk Treptow ging aus der Lampenfabrik Erich & Graetz AG hervor.

 

 

Ab 1953 entwickelte der VEB WSSB konsequent die Gleisbildstellwerke weiter, die schon der Vorgängerbetrieb Elsima z.B. in Königs Wusterhausen Stellwerk Kwm 1951 gebaut hatte. Neben der DDR als Absatzgebiet wurden WSSB-Stellwerke u.a. nach Ägypten, Syrien, der Tschechoslowakei exportiert. Siemens übernahm 1991 den Betrieb und gliederte ihn 1992 in die Siemens-Transportation-Systems ein.

 

 

 

Quellen und Links:

 

[1] http://de.wikipedia.org/wiki/B%C3%BCssing_AG#Doppelstock-Omnibus_D2U und http://de.wikipedia.org/wiki/Heinrich_B%C3%BCssing aufgerufen am 27.01.2012

[2] Sasse, Streifzug durch die Geschichte der deutschen Signaltechnik 1958, Seite 5

[3] Archiv Deutsches Technikmuseum I. 2. 060A Nr 00847

[4] Ebenda

[5] Preuß, Erich, Stellwerke, transpress Verlag Stuttgart 2002, Seite28

[6] Schlickeiser, Klaus, Borsigwalde einst und jetzt, 1989, Seite 711

[7] Bertelsmann Lexikon in 15 Bänden, 1996, Band 10 Seite 393; http://de.wikipedia.org/wiki/Paul_Nipkow

[8] Sasse, Streifzug durch die Geschichte der deutschen Signaltechnik 1958, Anhang

[9] Fotobestand Autor und Bahnhofsbuch Tempelhof 1963


[10-12] 25 Jahre Hein,Lehmann & Co AG 1888-1913-Eisenkonstruktionen, Brücken & Signalbau, Berlin- Reinickendorf,Düsseldorf-Oberbilk ohne Seite

[13] Anzeige in Zeitschrift für das gesamte Eisenbahn-Sicherungswesen (Das Stellwerk) vom 01.08.1935

[14-15] Landesarchiv Berlin, A Rep 250-01-06 Nr 55 Seite 4

[16] Das deutsche Eisenbahnwesen der Gegenwart, 1923 Band 2

[17-18] Landesarchiv Berlin, A Rep 250-01-06 Nr 55 Seite 3

[19-22] Landesarchiv Berlin, A Rep. 250-01-20 Nr. 14, Seite 3

[23] Signal auf grün - Geschichte des VEB Werk für Signal[technik]- und Sicherungstechnik Berlin Sozialistische Einheitspartei Deutschlands / Betriebsparteiorganisation des VEB Werk für Signal- und Sicherungstechnik Berlin-Treptow, 1981, Seite 58

[24-25] Allgemeine Elektrizitäts-Gesellschaft Berlin, Elektrische Stellwerke für Weichen und Signale Vorwort

[26] Sasse, Streifzug durch die Geschichte der deutschen Signaltechnik 1958, Seite 7

[27] Zeitschrift für das gesamte Eisenbahn-Sicherungs- und Fernmeldewesen vom 1. Februar 1940, Seite 16

[28] Zeitschrift für das gesamte Eisenbahn-Sicherungs- und Fernmeldewesen vom 1. Dezember 1941, Seite 112

[29] Wie Endnote 23, Seite 54

 

Veröffentlicht am 23. Dezember 2012. Letzte Überarbeitung 9. Juli 2015