Blockform Berliner Form

 

In Bahnhofsbüchern und im Gespräch mit Zeitzeugen stößt man zuweilen auf eine Blockform, die es offiziell unter dieser Bezeichnung gar nicht gibt: Die Blockform Berliner Form.

Diese Blockform sichert eingleisige Strecken mit nur zwei Blockfeldern pro Blockendstelle. Es fehlt das Erlaubnisfeld wie bei der Blockform B und C. Statt dessen ist das Anfangsfeld gleichzeitig auch das Erlaubnisfeld. Über diese Blockform findet man in der Fachliteratur so gut wie gar nichts. Eine Ausnahme ist das Buch von W. Cauer „Sicherungsanlagen im Eisenbahnbetriebe“ aus dem Jahr 1922. Auf Seite 215 beschreibt Cauer die Blockform:

 

 

 

 

Im Lage- und Verschlußplan des Bahnhofs Schöneberg Betriebsbahnhof von 1947 wird die Schaltung beim Namen genannt. Slg Lars MolzbergerIm Lage- und Verschlußplan des Bahnhofs Schöneberg Betriebsbahnhof von 1947 wird die Schaltung beim Namen genannt. Slg Lars MolzbergerDie Blockschaltung erfordert nicht nur, wie Cauer schreibt, „verwickelte Schalteinrichtungen an den Signalhebeln“, sondern auch speziell angepasste Blocksperren.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs erlebte diese Schaltung eine unerwartete Renaissance: Die Alliierten demontierten ab 1945 für Reparationszwecke bei zweigleisigen Strecken ein Streckengleis, sodass diese nun eingleisigen Strecken blocktechnisch angepasst werden mussten. In einigen Fällen fehlte im Blockwerk der Platz für das Erlaubnisfeld. Nun kam die Stunde der Blockschaltung „Berliner Form“.

Warum diese Schaltung so genannt wurde, muss offenbleiben. Vielleicht, weil diese Schaltung in Berlin vermehrt zum Einsatz kam? Auf folgenden Strecken war die Berliner Form nach meinen derzeitigen Kenntnisstand vorhanden:

  • S-Bahnstrecke Wannsee—Griebnitzsee
  • Schöneberg Betriebsbahnhof—Steglitz Gbf
  • S-Bahnstrecke Schönholz—Abzweig Tga
  • Abzweig Tga—Reinickendorf Gbf

Die Umschaltung des Anfangsfelds zum Erlaubnisfeld erfolgte über Relais. Die Schaltung war nicht besonders zuverlässig. Auf dem Stellwerk Tga war bis zur Außerbetriebnahme des Stellwerks Tga in Oktober 1984 ständig fernmündliches Rückmelden eingeführt. Das linke Foto zeigt einen Ausschnitt aus dem Lage- und Verschlußplan des Bahnhofs Schöneberg Betriebsbahnhof aus dem Jahr 1947. Es ist bisher das mir einzig bekannte Dokument, das diese Blockschaltung „Berliner Form“ nennt.

 

 

 

1991 war der Streckenblock auf der S-Bahn nach Tga 7 Jahre ausser Betrieb. Am Blockwerk ist noch immer der Hinweis auf die Berliner Form zu finden. 10. Juli 1991. Foto Lars Molzberger1991 war der Streckenblock auf der S-Bahn nach Tga 7 Jahre ausser Betrieb. Am Blockwerk ist noch immer der Hinweis auf die Berliner Form zu finden. 10. Juli 1991. Foto Lars Molzberger

 

Sicherung einer Zugfahrt durch den Streckenblock Berliner Form

 

 

Eine Zugfahrt von Schönholz nach Abzweig Tga auf der S-Bahnstrecke wurde blocktechnisch wie folgt durchgeführt (das linke Bild stellt Schönholz Snt und das rechte Bild die Abzweigstelle Tga dar):

 

Die Erlaubnis befindet sich in Schönholz. Nach der Ausfahrt des Zuges blockt der Fahrdienstleiter Snt das kombinierte Anfangs-/Erlaubnisfeld. Durch die Fahrtstellung des Signalhebels erfolgte die Umschaltung des Blockfelds über Relais.Die Erlaubnis befindet sich in Schönholz. Nach der Ausfahrt des Zuges blockt der Fahrdienstleiter Snt das kombinierte Anfangs-/Erlaubnisfeld. Durch die Fahrtstellung des Signalhebels erfolgte die Umschaltung des Blockfelds über Relais.Das Anfangs-/Erlaubnisfeld in Schönholz Snt ist geblockt. In Tga wurde das Endfeld entblockt. Der Fahrdienstleiter Tga fährt den Zug weiter nach Reinickendorf.Das Anfangs-/Erlaubnisfeld in Schönholz Snt ist geblockt. In Tga wurde das Endfeld entblockt. Der Fahrdienstleiter Tga fährt den Zug weiter nach Reinickendorf.Nach erfolgter Zugfahrt blockt der Fahrdienstleiter Tga sein Endfeld. Der Urprungszustand ist wieder hergestellt. Solange kein Signalhebel auf Fahrt steht, ist die Erlaubnis jederzeit wechselbar. Nach erfolgter Zugfahrt blockt der Fahrdienstleiter Tga sein Endfeld. Der Urprungszustand ist wieder hergestellt. Solange kein Signalhebel auf Fahrt steht, ist die Erlaubnis jederzeit wechselbar.